Alle reden vom Wetter…
Über 20°C und strahlend blauer Himmel begrüßen jeden, der heute das Haus verlässt. Der Park, das Freibad und dergleichen laden ein den Frühling in vollen Zügen zu genießen, indem man sich bei einem Eis die Sonne auf den Pelz brennen lässt. Dumm, wer sich an einem so strahlend schönen Tag den unangenehmen Verpflichtungen der Lohnarbeit hingibt während das schöne Leben in so greifbarer Nähe liegt.
Leider gehorcht die gesellschaftliche Großwetterlage selbst den besten meteorologischen Aussichten nicht. Die viel beschworene soziale Kälte überschattet auch den sonnigsten Frühlingstag. So ist mittlerweile sogar dem deutschen Michel klar, wie verzichtbar er auf dem Arbeitsmarkt ist. Arbeit und Ausbildung nehmen an Bedeutung zu, gerade weil sie kein Garant mehr sind, das Auskommen sichern zu können.
Denn, wer das Privileg bürgerlicher Rechte genießen möchte, muss dem Standort zunächst seine Nützlichkeit unter Beweis stellen. Im Zweifel bekommt eben immer die fleißigste Seele den umkämpften Arbeitsplatz und somit das Mittel zu Selbsterhalt und -verwirklichung. Da fällt die Entscheidung leicht. Wer sich dem Diktat der Konkurrenz nicht unterwirft, wird an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Nicht nur materiell, indem er gezwungen ist Hartz4 zu beziehen, sondern auch sozial, indem er zur Projektionsfläche all derer avanciert, die diesem Zwang erfolgreicher entsprechen wollen mussten. „Fresse halten und ackern“¹ rät Tim Raue, der es ‘von der Straße’ zum Spitzenkoch gebracht hat all jenen an, die ‘bislang’ weniger erfolgreich waren und dechiffriert damit Schröders Postulat „Es gibt kein Recht auf Faulheit“… Fresse halten!
Doch statt das Scheitern der anderen als notwendige Existenzbedingung des eigenen Erfolgs in der Konkurrenz zu entlarven und daran das gesamte Prinzip zu blamieren, wird das eigene Elend zum Lob angesichts des Elends anderer. ‘Wer Arbeit sucht, der findet auch welche!’ – wer keine hat strengt sich demnach nicht genug an. Dieser Sozialchauvinismus findet schlussendlich bei jedem Anklang, sodass selbst der Hartz4-Bezieher noch auf ‘den Ausländer’ schimpfen kann, der ihm den Arbeitsplatz streitig gemacht hat. Fehlt es diesem selbst an Arbeit, gereicht es ihm immerhin noch als ‘eindeutiges Indiz’ für dessen mangelnden Willen zur Integration und Unterwerfung unter die vermeintlich deutschen Tugenden von Fleiß und Genügsamkeit.
So macht sich jedes bürgerliche Subjekt dieses Prinzip der Organisation menschlicher Arbeit zu eigen, das Scheitern zur individuellen Fehlleistung und den Mensch zu dem, was er in dieser Gesellschaft tatsächlich ist: zum Objekt kapitalistischer Verwertung. Ein zweifelhaftes Privileg!
Vielen Dank für die Blumen! Gegen Integration und Ausgrenzung!
Alle reden vom Wetter, das …umsGanze!-Bündnis nicht! Mit dem Auftakt der Proteste gegen die Innenministerkonferenz startet die neue Kampagne gegen Sozialchauvinismus und die Kulturalisierung sozialer Konflikte.
¹ So gesagt in der Sendung von Anne Will am 10.04.2011 erläuternd zu seinem flammenden Appell für das Prinzip Leistung.

