Nur eine Frage der Frisur?

Aus "i say no" Zeitung des Bündnis gegen Rassismus und Sozialchauvinismus, Herbst 2011

Angeblich erlebt Deutschland trotz Krise gerade sein zweites Wirtschaftswunder: Der Export boomt, während der Rest Europas in Scherben liegt. Andererseits: Selbst jetzt herrscht Massenarbeitslosigkeit, und um die verbliebenen Jobs wird mit harten Bandagen bekämpft. Doch die Lösung ist nahe: »Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job.« So sprach Kurt Beck von der SPD. Schlappe zehn Euro im Frisiersalon investiert, schon läuft‘s mit der Karriere. Krisenkapitalismus und ständige Konkurrenz – alles kein Problem, so lange die Frisur sitzt. Kein Wunder, dass der Sozialdemokrat ungehalten war, als ihm ein Erwerbsloser die Hartz-IV-Reformen seiner Partei vorhielt. Die SPD hatte doch alles dafür getan, dass Deutschland auf dem Weltmarkt wieder alle niedermachen kann. Jetzt ist Einsatz gefragt. Wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Die Einzelnen stehen in doppelter Verantwortung: sich selbst gegenüber, aber vor allem gegenüber dem Standort. Denn »China« ist uns auf den Fersen. Also alle ranklotzen für Deutschland!

Guido Westerwelle predigt diesen selbstgemachten Sachzwang in einem besonders schiefen Bild: »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.« Als wäre überflüssiger Reichtum nicht bisher immer ein Privileg der Oberschichten gewesen. Dennoch fand Westerwelle viel Zustimmung. Denn die von Abstiegsängsten geplagten Deutschen aller sozialen Klassen haben sich ein gemeinsames Feindbild usammengesponnen: den »arbeitsscheuen Hartz-IV-Empfänger«. Die verbreiteten Vorurteile gegen vermeintliche »Schmarotzer« haben nichts mit der Realität zu tun. Viel dagegen mit der Angst, selbst sozial abzusteigen. Und Angst macht autoritär. Wer Schwächere ausgrenzt, stellt sich selbst auf die Seite der Macht und des Wohlstands. Das ist ein zentrales Element sozialchauvinistischer Ideologie. Aus dem Blick geraten die gesellschaftlichen Ursachen dieser Unsicherheit und Ohnmacht. Die liberale Leistungsreligion kocht immer wieder über. Wer nicht obenauf schwimmt, dem wird ein problematischer Charakter zugeschrieben. Oder schlechte Gene. Das ist dann Sarrazins Rassismus.

Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag nur fernsieht, bin ich fast schon erleichtert, wenn er ein bisschen schwarzarbeitet. Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat (SPD)

Schon als Berliner Finanzsenator gefiel sich Sarrazin in der Pose des Tabubrechers. Auch das übrigens eine typisch rechtspopulistische Masche. Von oben herab auf gesellschaftlich Ohnmächtige eindreschen, und sich dann als Opfer einer linken Meinungsdiktatur selbst bemitleiden. Armer Thilo. Die angeblich so politisch korrekten Massenmedien haben Sarrazin und sein rassistisches Buch Deutschland schafft sich ab! über Monate im Gespräch gehalten. Auch deshalb wurde es zur auflagenstärksten völkischen Drucksache seit Mein Kampf. 20 Prozent der Deutschen können sich inzwischen vorstellen, eine »Sarrazin-Partei« zu wählen. Als Sarrazin noch gleichmäßig gegen alle  vermeintlich Unproduktiven pöbelte, mussten sich auch deutsche Langzeitarbeitslose ducken. Seit er sich auf Rassismus spezialisiert hat, ist er für viele ein Nationalheld. Denn dieser Rassismus verspricht nationale Privilegien, und sei es Hartz IV. Auf dieser Welle wollen natürlich auch die anderen Parteien reiten. Horst Seehofer (CSU) spielt dafür schon mal den Deutschland-Pistolero. »Bis zur letzten Patrone« werde er »die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme« verhindern. Flüchtlinge und Migrant_innen werden so pauschal als schmarotzende Horden stigmatisiert, der deutsche Staat als bedrohte Unschuld. Deshalb wurde gegen Seehofer bereits ein Verfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet. Es wird aber wohl alles nur ein bedauerliches Missverständnis gewesen sein. Die staatstragenden Parteien und ihre Wähler_innen haben sich festgelegt: Deutschland soll der globale Superstandort werden. Dafür werden soziale Sicherheiten gestrichen und gesellschaftliche Risiken privatisiert. Folge: Die Wirtschaft boomt – bis sie platzt.

Sozialchauvinismus und elitäres Denken begins at home: Gerade das lustige Künstlervölkchen, dem ich angehöre, wähnt sich ja gerne außerhalb bestehender Hierarchien. Dabei übersehen sie, die Künstler, dass sie mit ihrer Bereitschaft sich jederzeit, vollvernetzt und mit Haut und Haaren ihren Zielen zu widmen, geradezu beispielhaft für den »neuen Geist des Kapitalismus« stehen. Im permanenten Drang zur Kreation haben sie eine Vorbildfunktion in einer Gesellschaft, die besessen ist von Ressentiments gegen alles vermeintlich faule, unnütze und schmarotzende. Kritik an autoritären Erscheinungen muss demnach auch bei uns selbst, den Autoren, ansetzen. Dann können wir auch den ganzen anderen Scheiß bekämpfen! Dirk von Lowtzow (Tocotronic)

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