Jahrestag "Arbeitsscheu Reich" (1938)

Gedenkstunde und -aktion gegen Sozialrassismus

Soziale und rassistische Ausgrenzung - historische Kontinuitäten und Brüche!

Gedenkstunde: Fr., 13.06.2014, 18:00 - 19:00 Uhr, vor den Verwaltungsgebäuden der ehem. Arbeitshäuser in Rummelsburg, Nähe Hauptstr. 8, 10317 Berlin, (S-Bhf Rummelsburg, zu Fuß ca.10 min o. TRAM 21 - Kosanke-Siedlung)

Einführung * Dr. Bernhard Bremberger: Aus dem Zuchthaus Cottbus nach Rummelsburg zwischen 1933-1945 * Lied "Die Gedanken sind frei ..." * Lothar Eberhard: Beispiele von Inhaftierten in Rummelsburg * Anforderungen an einen Gedenkort, N.N. * Blumenniederlegung

Gedenkaktion: Sa., 14.06.2014, 14:00 - 17:30 Uhr, Kreuzung Rudi-Dutschke-Str. - Oranienstr. - Axel -Springer-Str., (Busse M29, 248)

Musik vom Singenden Tresen und Paul, der Geigerzähler * Aktion "Arbeitsscheu Reich" und Gedenkarbeit - Arbeitskreis "Marginalisierte - gestern und heute!" * Stigmatisierung von Einkommensarmen heute - Sebastian Friedrich * Rechtsextremistisch motivierte Gewaltverbrechen nach dem NSU - Stewo (Köln) * Rechtsextremistische Gewalttaten in Berlin - S. Seyb (Reach out) * Querkopf e.V. * Bündnis „Niemand ist vergessen“ * "Gedenken an die Opfer der Agenda 2010" *

Das Wort haben weitere Initiativen.

Wir wollen in diesem Jahr mit einem breiteren Spektrum an die Verfolgten der Kriminalpolizeiaktion "Arbeitsscheu Reich" vom 13.06.1938 erinnern und gegen Kontinuitäten der rechten Gewalt protestieren. Dafür haben wir zwei Termine eingeplant. Der Freitag führt uns zum historischen Ort der Rummelsburger Arbeitshäuser. Am Samstag protestieren wir gegen das Verschweigen rechter Gewalt und erinnern an Opfer der zurückliegenden Jahrzehnte.

Die Formen der Ausgrenzung und Verfolgung sozial benachteiligter Menschen haben sich gewandelt. Die stereotypen Ressentiments halten sich hingegen in den Köpfen. Sie werden durch die reaktionären Kräfte unserer Tage verbreitet. Für reaktionäres Denken steht auch der Springer Konzern.

Im Nationalsozialismus waren sozial Benachteiligte und Verfolgte als sogenannte Asoziale und Arbeitsscheue verpönt. Sie wurden verfolgt und in KZs, Kinderheime, Irren- und Tötungsanstalten deportiert.
Das Stigma "asozial" blieb nach 1945 für die Überlebenden lebenslang wirksam. Nicht zuletzt weil Behördenakten fortgeführt wurden. Sie behinderten ihre Entwicklung und die ihrer Kinder, weil die aus gesundheitlichen und sozialen Gründen Verfolgten nicht als Opfer des Faschismus anerkannt wurden. Würdige Orte des Erinnerns sind rar und oft nur wenig informativ. Orte wie die Berliner Tiergartenstraße 4 sind nur wenigen Aktiven, wie z. B. der Anti-Psychiatrie Bewegung bekannt und werden darüber hinaus nicht genutzt. Auch das Berlin-Rummelsburger Arbeitshaus ist ein bisher kaum benutzter authentischer Ort zum Erinnern und Nachdenken. Die hier begonnene Gedenkortarbeit ist nur ein erster Schritt.

 

Zunahme rechter Gewaltverbrechen
Ob der reaktionären Hetze beobachten wir seit den 1990er Jahren aufmerksam sich mehrende rechtsextremistisch motivierte Gewaltverbrechen an Refugees, MigrantInnen bzw. in Deutschland lebenden bzw. beheimateten people of color. Auch Einkommensarme, Behinderte und Wohnungslose zählen zu den Opfern.
In Folge des NSU Schocks wird die deutsche Kriminalistik in Bezug auf mögliche rechts motivierte Gewalt verstärkt. Die Sichtung alter Fälle der Kriminalgeschichte zeigt heute, das in der Vergangenheit nach rechten Motiven nicht ermittelt wurde und das entsprechende Erkenntnisse nur in wenigen Fällen Eingang in Strafprozessen fand.

Am 5.12.2013 meldete die Berliner Zeitung, das 3300 ungeklärte Delikte durch das BKA und die für die Polizeiarbeit zuständigen 16 Bundesländer überprüft werden. Heute vergeht keine Woche, in der nicht aus den laufenden Überprüfungen immer neue Verdachtsfällle gemeldet werden.

Reaktionäre Sozialpolitik bekämpfen
Angesichts des unsozialen politischen Kurses der Regierungen seit 1994 und seit den "Sozialen" Grundsicherungen von 2005 werden immer mehr Menschen wohnungslos. Erschreckend viele verlieren ihre psychische und seelische Integrität. Ursachen sind sozialer Absturz durch Erwerbslosigkeit, Einkommens- und Energiearmut, Wohnungslosigkeit, schikanöse Ämterbehandlung und Beleidigungen durch die Politik. Die innenpolitischen Verstärkungen der Folgeerscheinungen der Schuldenkrise, die als deutsch-europäische "Schuldenbremse"-Politik auf die BürgerInnen abgewälzt wird, ruft immer stärker rechte Kräfte auf den Plan.

Desintegration ist auch ein Sicherheitsproblem
In der Langzeituntersuchung zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeitmit dem Titel "Deutsche Zustände. Unruhige Zeiten"macht die Forschungsgruppe um Prof. Heitmeyer (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung) mit 61 Punkten die höchste Menschenfeindlichkeit gegen Langzeitarbeitslose aus. Dem folgen mit 59 Punkten die Feindlichkeit gegen den Islam, mit 58 gegen Fremde, mit 51 gegen Obdachlose und mit 34 Punkten der Rassismus. Die Polizistinnen Dr. D. Pollich und J. Erdmann sehen "gesellschaftliche Abwertung aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit" als Ursache der Angriffe auf Wohnungslose(Gewalt gegen Wohnungslose, Bundestagung 2013 der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. ). Hierbei tun sich sehr gut Verdienende besonders hervor, aber signifikant auch andere Arme.

Neuer Sozialrassismus scheint auch in der Sozialarbeit auf
Prof. Tim Kunstreich schrieb: "Ich vergleiche das häufig mit dem Ende der 1920er Jahre. Damals war die Sozialhygiene eine dominierende wissenschaftliche Ideologie. Wir erleben heute so etwas wie eine Neosozialhygiene, dass nämlich alle Nützlichkeitskriterien ökonomisch konnotiert werden, aber insofern auch einen Unterschied, als der Rassismus nicht mehr an der Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit festgemacht, sondern in die Verantwortung des einzelnen gelegt wird. Du bist verantwortungslos, wenn du dich nicht sozial so verhältst, dass du in dieser Gesellschaft gut funktionierst. Diese Form von Rassismus ist viel gefährlicher, weil sie nach innen geht und Selektionen hervorruft, bei denen der einzelne sich selber schuldig fühlt und sagt, ich schaffe das nicht, ich kann es ja nicht. Das ist die perfekte Herrschaft."(Interview/008: Quo vadis Sozialarbeit? - ...aber zusammen (SB), http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sori0008.html)

Zur Gedenkstunde und zur Gedenkaktion sind alle Initiativen der Antifa, der Erwerbslosen, der Flüchtlinge und Migrant_innen, der Gedenk- und Erinnerungsarbeit an die Verfolgten im NS, zum Mietenstopp, zum Wohnen, gegen Zwangsräumungen etc. herzlich eingeladen.

Informationen
Gedenkstunde und -aktuon
des

Datum & Uhrzeit

13.06.2014 - 18:00 bis 14.06.2014 - 17:30

Ort

Berlin