The Dark Side of the Moon

Verschwörungstheorien vs. Gesellschaftskritik
Mit Tobias Jäcker, Autor des Buches “Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September”.

Am 11. September 2001 verübten Islamisten den folgenschwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte. Fast 3000 Menschen kamen in den Trümmern des WTC bzw. des Pentagon sowie in den entführten Flugzeugen ums Leben. Bereits kurz nachdem die offiziellen Betroffenheitsrituale vorüber waren, kamen Theorien über die „wahren Schuldigen“ oder auch die „Nutznießer“ der Anschläge auf. Die Frage nach dem „Cui bono?“ ist dabei von vornherein an bestimmte Antworten gekoppelt: Bush und die Öl-Industrie, Amerika, Israel. Die Antwort variiert mit der politischen Selbstzuschreibung.

Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ veröffentlichte Mitte 2003 eine Umfrage, wonach etwa ein Fünftel der Deutschen der Meinung waren, dass die Anschläge von der US-Regierung inszeniert wären. Das antiamerikanische Ressentiment vereinte alle möglichen politischen Lager von Rechts bis Links. Wie kann es sein, dass in einer Epoche - die sich gern als aufgeklärt und rational bezeichnet - solche irrationalen Erklärungen gesellschaftlicher Mainstream werden?

In Zeiten gesellschaftlicher Krisen und Umbrüche klammert sich das durch Herrschaft verstümmelte Subjekt an einfache Erklärungen. An die Stelle von Aufklärung, Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik tritt Propaganda, Hetze und Personalisierung der abstrakten Verhältnisse. Das Nazikürzel „ZOG“ („Zionist Occupied Government“) ist dabei nur die extreme Zuspitzung eines Denkens, welches die Komplexität moderner Gesellschaften nicht anerkennen kann und will. Die Kritik der politischen Ökonomie weist auf das Problem hin: Der Hass auf das Abstrakte, auf das Mysterium der Wertvergesellschaftung muss letztlich in einer Personalisierung enden. Irrational ist die kapitalistische Produktionsweise und sie benötigt dabei Subjekte, die diese Irrationalität - in welcher Form auch immer - reproduzieren.

Das bekannteste Beispiel für verschwörungstheoretischen Wahn sind sicherlich die „Protokolle der Weisen von Zion“, einer Fälschung, die höchstwahrscheinlich der zaristischen Geheimpolizei zuzuschreiben ist. Die „Protokolle“ dienen etwa seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute als angeblicher Beweis für die „jüdische Weltverschwörung“, gegenwärtig v. a. in der arabischen Welt. Für die Nationalsozialist_innen waren die „Protokolle“ wichtiges Ideologem ihres antisemitischen Weltbildes.

Ganz aktuell ist es der Erfolg des Films „Loose Change“, der über den 11. September „alles, was so in der Welt ist und was so im Internet kursiert, was zum Teil auch in seriösen Medien gesendet und geschrieben worden ist, in einer relativ geschickten Weise zusammenfasst“ (T. Jaecker). Dieser Film erfreut sich auch in der linken Szene einer großen Beliebtheit. Allein in Berlin wurde der Film an ca. 100 „alternativen“ Orten verteilt. Obwohl auch bei diesem Film Mängel und Fehler auftauchen, ändert dies nichts am Effekt.

Als Kommunist_innen wollen und müssen wir diesen Tendenzen entgegentreten. Statt Kritik am falschen Ganzen werden alle Ekelhaftigkeiten des Kapitalismus auf die abstrakte Seite der Warenvergesellschaftung projiziert und somit wieder dienstbar für Nation, Volk und/oder Religion gemacht. In Zeiten von Heuschreckendebatte, Irakkrieg und Deutschquote im Radio fällt Antiamerikanismus auf fruchtbaren Boden. Die Anschlussfähigkeit zum Antisemitismus ist augenfällig. Aus diesem Grunde ist es nur folgerichtig, dass Nazis gegen den Krieg und für den Iran, gegen „amerikanischen Kulturimperialismus“ oder gegen Israel demonstrieren. Gesellschaftliche und individuelle Emanzipation lässt sich mit Verschwörungstheorien sicher nicht denken.

Informationen
Vortrag
von

Datum & Uhrzeit

14.02.2008 - 19:30

Ort

Kinzigstrasse 9
(nahe U-Bahnhof Samariterstraße)
10247
Berlin