Wieso denn, uns gehts doch gut…

Workshoptag zur europäischen Krise

Hierzulande erleben die meisten Leute die jüngste Krise des Kapitalismus, die sich auf scheinbar wundersame Weise von der Immobillien– über die Finanz– zur Staatsschuldenkrise verwandelt hat, vor allem als mediales Ereignis.

Die deutsche Regierung und weite Teile der Medien sorgen dabei dafür, dass das Ganze seinen Unterhaltungswert behält und auch nach der x-ten Wiederholung nicht als ein grundlegendes Problem gesellschaftlicher und ökonomischer Strukturen gesehen wird. Der abschätzige Blick auf die „faulen Südländer“ führt die unausweichlichen Ausfallerscheinungen des kapitalistischen Verwertungsmotors auf individuelles Fehlverhalten zurück, dass in der Projektion auf andere Nationen in kulturalistisch–rassistischer Weise zum Wesensmerkmal erklärt wird. Gleichzeitig kann so die Identifikation mit dem eigenen Standort mal wieder gestärkt werden. Nicht nur erfolgreich will man sein, sondern auch noch moralisch überlegen. Dass die Krise, wenn auch in abgeschwächter Form, auch hier ihre gesellschaftliche Folgen hat — wie unter anderem die massenhafte Entlassung der anscheinend nicht sonderlich systemrelevanten Schlecker-Mitarbeiter_innen und die weitere Verschärfung von Arbeitsverhältnissen zeigt — fällt dabei gerne schnell unter den Tisch.

Ganz anders, nicht weit entfernt: Griechenland. Eine ungewählte „nationale Notstandsregierung“ wird durch eine gewählte ersetzt, die jedoch an die technokratischen Krisenverwaltung gebunden bleibt. Während dessen nimmt das Elend in der Bevölkerung immer erschreckendere Ausmaße an und Nationalisten und Polizei machen weiterhin gemeinsam Jagd auf „Nicht-Griechen“. Mittlerweile droht das Schicksal einer gewaltsamen Haushaltssanierung durch den IWF, die vor allem zu Ungunsten von Erwerbslosen und Lohnabhängigen geschieht und die Krisendynamik in Griechenland erst so richtig beschleunigte, auch anderen EU-Staaten. Aber gegen den Versuch die Krisenregulation durch fortgesetzte Neoliberalisierung als einen neuen Normalzustand zu etablieren, regt sich auch Widerstand und die europäischen Regierungen sind zunehmend gezwungen, das T.I.N.A.–Prinzip (There is no Alternative, in den 80er Jahren eingeführt von Margaret Thatcher) autoritär durchzusetzen.

So zeigte das Verbot von Blockupy und die Kriminalisierung von Teilnehmer_Innen der M31–Demonstration in Frankfurt am Main, dass auch im vergleichsweise ruhigen Deutschland der Staat bereit ist, den sozialen Frieden gewaltsam durchzusetzen. Trotz allem waren beide Aktionen auf unterschiedliche Weise ein erster Versuch auch hier den Protest gegen die Entwicklungen in Europa wahrnehmbar zu machen und dabei eine Vernetzung und Zusammenarbeit — zumindest über die innereuropäischen Grenzen hinweg — voranzubringen. Da dies aber nur ein Anfang gewesen sein kann, gilt es für uns als beteiligte Gruppen einige Fragen zu stellen: Wie genau stellt  sich die politische Lage in Europa derzeit dar? Wie haben sich Lebensumstände verändert? Wie lässt sich die aktuelle Krisendynamik erklären? Gibt es Lösungsstrategien und was taugen sie? Können wir die Chancen eines Krisenbewusstseins nutzen und wird nun endlich dir (Ir–)Rationalität der kapitalistischen Verwertung noch den Letzten klar? Oder gilt es vielmehr durch konkrete Solidarität das Schlimmste zu verhindern? Mit dem Workshoptag wollen wir im Anschluss an die gemeinsamen Proteste eine theoretische Vertiefung und einen Austausch von Beteiligten, Interessierten und Kritiker_innen erreichen, sowie nach Perspektiven für notwendige emanzipatorische Antworten auch auf europäischer Ebene suchen.

Getränke und Essen wird es vor Ort geben.

organisiert von:
avanti, *aze und top–b3rlin

mit freundlicher Unterstützung der Rosa–Luxemburg–Stiftung

Programm:

10:30 - Beginn/Eröffnung

11:30 - Eröffnungspodium mit den veranstaltenden Gruppen

12:30–14:00 - Phase 1

One World – one crisis? (mit Anne Steckner (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Florian Becker (Gruppe Soziale Kämpfe) und Frank Engster (Phase 2))

Ökonomische Krise, ökologische Krise, geschlechtsspezifische Reproduktionskrise, Demokratie- und Migrationskrise… Gibt es eine zugrundeliegende Systematik, welcher sie alle entspringen? Was bedeutet „Vielfachkrise“, und was wird damit beschrieben? Wie ist die Wahrnehmung von Krisen im Kapitalismus beschaffen und was ist der Effekt dessen auf soziale Kämpfe?

Das Geschlecht der Krise (Referentin: Basisgruppe Antifaschismus Bremen)

In der Krise strukturieren sich kollektive Betroffenheitslagen auch nach Geschlecht. Dies geschieht entlang der gesellschaftlichen geschlechtlichen Arbeitsteilung, insbesondere der Organisationsform gesellschaftlicher Reproduktion. Was genau das heißt und welche Konsequenzen sich daraus für das Verständnis der Krise und eine emanzipatorische Politik ergeben, soll hier diskutiert werden.

Demokratie. Echt jetzt? (von und mit *aze)

Demokratie ist einer der bedeutendsten Slogans der Krisenproteste und gleichzeitig ein zentrales Element der Selbstlegitimierung des Kapitalismus. Nach einer Vorstellung des hegemonialen Demokratiediskurses folgt eine Einführung in poststrukturalistische Theorieansätze, die versuchen den Begriff erneut für gesellschaftliche Veränderung fruchtbar zu machen. Das Begriffsdreieck Kontingenz, politische Differenz und Demokratie wird hierbei dargestellt.

Vom Staat des Kapitals in Europa (mit New Order)

Die Eurokrise ist ein Kampf um die Profitabilität in und für Europa. Entgegen der üblichen Betonung der Rolle Deutschlands im Krisenprozess soll an dieser Stelle untersucht werden, wie sich ökonomische und politische Herrschaft zwischen den Nationalstaaten und der supranationalen Struktur Europas organisiert, wie die EU versucht die Verwertungskrise des Kapitals zu bearbeiten und wie die Forderung nach einem reformierten, demokratischen Europa als Alternative zu bewerten ist.
mit New Order

14:00–15.00 - Mittagspause

15:00–16:30 - Phase 2

Krise und Kämpfe um die Stadt (von und mit avanti und *aze)

Das Themenfeld Stadt bietet also eine sehr gute Möglichkeit, der fehlenden Basis für Krisenproteste etwas entgegenzusetzen, indem lokale Kämpfe für das Recht auf Stadt mit der derzeitigen Krise verknüpft werden. Nach einem Impulsreferat werden wir uns in drei kleinen Arbeitsgruppen mit transformatorischen Forderungen, Personalisierungen bei stadtpolitischen Kämpfen und der Frage, ob eine andere Stadt innerhalb des Kapitalismus möglich ist.

Vergesellschaftungskämpfe oder Organisation von unten in Griechenland und hier (Referentinnen: Alpha Kappa und Avanti)

Vergesellschaftung als roter Faden radikaler linker Politik? Mit Genossen von Alpha Kappa aus Griechenland wollen wir herausfinden wieviel ihre Kämpfe mit der Vergesellschaftungsdebatte hier zu tun haben. Kann diese sinnvolle Beiträg liefern, die auch einer konkreten fortgeschrittenen Krisensituation Stand halten?

Sozialismus oder Barbarei? (Referenten: Thomas Konicz, freier Journalist, Nachrichten aus Osteuropa und der zauberhaften Welt der Krise. Nikolai Huke, promoviert zu autoritären Entwicklungen, Alltagskämpfen und sozialen Bewegungen in Spanien im Kontext der Euro-Krise.)

Mit der Krise als tatsächlicher oder befürchteter Bedrohung wenden sich Menschen vielerorts autoritären Strömungen zu. Rassismus, Antisemitismus, Sozialchauvinismus und der ganze andere Scheiß haben Konjunktur und Ausgrenzung verschärfende politische Maßnahmen sind an der Tagesordnung. Wie ist dies zu erklären und welche Rolle spielen Staat, Politik und Gesellschaft dabei? Versuch einer politischen und ideologiekritischen Beleuchtung der Situation in Europa.

17:00–18:30 - Abschlusspodium

Die beteiligten Gruppen wollen sich öffentlich austauschen und diskutieren: Welche Erfahrungen wurden mit den Krisenprotesten in Frankfurt und auf der Ebene der europäischen Zusammenarbeit gemacht? Was sind die konkreten und allgemeinen politischen Perspektiven? Welche Fragen gilt es für/an eine emanzipatorische Bewegung zu stellen und welche Antworten könnte es bereits geben?

Informationen
Workshoptag
von

Datum & Uhrzeit

07.07.2012 -
10:30 bis 20:30

Ort

Franz -Mehring-Platz 1
10243
Berlin