Täterspuren-Spaziergang 2012

Am 13. Februar 1945 wurde Dresden bombardiert. Bis zu 25.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Es fand kein Bombenholocaust statt und Dresden war auch kein Widerstandsnest der Weißen Rose. Dresden war Garnisonsstadt für die Ostfront, Rüstungsstandort und Eisenbahnknotenpunkt, um nur die offensichtlichsten Punkte zu erwähnen.

Heute wollen wir uns ein wenig diesen Kontext ansehen, von dem so viel gesprochen wird, aber der bei den schweigenden Gedenkfeiern des 13. Februar selbst, dann doch lieber unausgesprochen bleibt. Die Orte der Täter wollen wir aufsuchen, um die Wahrnehmung zurechtzurücken, dass hier nicht bloß die Elbflorenz bombardiert wurde, sondern auch eine nationalsozialistische Stadt, mit nationalsozialistischen Orten und Institutionen und nicht zuletzt auch mit Nationalsozialisten – Nazis. Dresdner waren nicht nur kleine Mädchen, wie das 2010 eingeweihte Denkmal am Heidefriedhof suggeriert.Sondern Dresdner waren, ebenso wie Berliner oder Düsseldorfer, überzeugte Nazis undnicht so überzeugte, Anführer und Mitläufer, Profiteure und Denunzianten und Zuschauer. Ohne diese hätte es den Nationalsozialismus, den Krieg und die Vernichtung der europäischen Juden,Homosexuellen, Sinti und Roma und Widerstandskämpfern nicht gegeben.

Die Vernichtung der Judenwurde erst ermöglicht, durch den langsamen Ausschluss der Juden aus derGesellschaft. Das nicht mehr einkaufen im jüdischen Laden, das Kündigen desjüdischen Mieters, den Neubezug der freigewordenen Wohnung, das Aufkaufen des jüdischen Ladens zu einem lächerlichen Preis, usw. Hier begann der Weg, der in die Vernichtung führte.

Ohne alle diese alltäglichen Handlungen wäre die Vernichtung nicht möglich gewesen. Den Spuren dieser nationalsozialistischen Gesellschaft in Dresden wollen wir heute nachgehen. Damit wollen wir auch eine neue Perspektive auf die Erinnerungspolitik in dieser Stadt geben: Während die Neonazis den Opfern des “Bombenholocausts” gedenken und damit versuchen Täter und Opfer zu verkehren, wird laut offiziellem Trauerprotokoll der Stadt an die Opfer des Krieges gedacht. Dies ist auch nicht mehr bloß ein abstrakter Krieg, der sich unterschiedslos in Coventry, Hiroshima und Auschwitz manifestiert. Die Stadt erkennt nunmehr an, dass der Krieg von Deutschland ausging und distanziert sich damit von den Neonazis. Aber die Schuldigen hat die Oberbürgermeisterin inihrer Rede 2010 schnell identifiziert: Hitler und seine Verbrecherclique. Die Toten der Bombardierung sind demnach Opfer von Hitlers Krieg, sie werden auf wundersame Weise zu Opfern des Nationalsozialismus. Deshalb meint man wohl auch mit schweigender Trauer um die Opfer der Bombardierung auch ein Zeichen zu setzen gegen Neonazis.

Darüber hinweggegangen wird, dass ein Großteil der Dresdner es ganz prima fand im Nationalsozialismus: zumindest solange der Krieg gut lief. Erst die Bomben machten die Beteiligungam Regime unangenehm. Die Verfolgung der politischen Opposition und der rassistisch Ausgestoßenen, betraf sie nicht. Denn die Kriterien für den Ausschluss aus der Konsensdiktatur waren klar und dieMehrheit der Bevölkerung war von ihr nicht betroffen, sondern beteiligte sich an der Verfolgung oder nahm sie hin.

Und ebenso wie sie damalsnicht Opfer der Taten der Nazis wurden, so werden sie heute nicht Opfer der Taten der Neonazis. Es schadet ihnen nicht über die Neonazis hinwegzusehen, denn sie werden keins ihrer Opfer werden. Die Mehrheit der Dresdner ist so sehr auf deneigenen Opferstatus fixiert, dass sie gar nicht wahrnehmen wollen, dass die Kranzniederlegung am Heidefriedhof jahrelang gemeinsam von Stadtverwaltung und Neonazis begangen wurde. Der in der Bundesrepublik, in Sachsen und in Dresdenexistierenden organisierte Neonazismus wird beständig verharmlost, es wird schlicht kein Problem gesehen. Das Problem sind höchstens die Antifaschisten, die diese Ruhe stören. In diesem Klima konnte der Aufmarsch der Neonazis jahrelang kaum gestört zum größten in Westeuropa werden.

Informationen
Täterrundgang
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Datum & Uhrzeit

13.02.2012 - 13:00

Ort

Dresden