Thälmann ist niemals so riesig gewesen!

Die überkorrekte Abgrenzung gegen jedes Stück revolutionärer Geschichte spielt nur den Herrschenden in die Hände.
Jungle World Nr. 26, 27. Juni 2013

Vorab: Denkmaldebatten sind bildungs- und staatsbürgerliches Seilhüpfen. Sie sind Kommunistinnen und Kommunisten unwürdig, sind Identitätspolitik und hündischer Konformismus. Es gibt 1 000 gute Gründe, das Thälmann-Denkmal abzureißen. Es gibt aber noch mehr und bessere Gründe, ganz andere Dinge abzureißen. Was passiert nun, wenn eine Handvoll liberaler Klassenfeinde eben jenes Denkmal mit Pappdynamit »symbolisch sprengen« will? Korrekt: Nostalgiker, Ostalgiker und andere Teddy-Freunde und -Freundinnen ziehen symbolisch zu Felde und erringen einen symbolischen Sieg. Dabei argumentieren Befürworter und Gegner oft gleichermaßen unhistorisch. Der Thälmann-Koloss wird gerade erst lebendig!

Pünktlich zum 100. Geburtstag des Sohnes seiner Klasse, im April 1986, wurde das Denkmal an der Greifswalder Straße eingeweiht. Der Bildhauer Lew Kerbel, der auch den als »Nischel« bekannten Karl-Marx-Kopf in Chemnitz verantwortet, hatte fünf Jahre daran gefeilt. Groß musste es sein, pathetisch sollte es sein, und schwer und hoch wurde es. Die gesamte Bronzeproduktion des Arbeiter- und Bauernstaats ging dafür drauf. So war das Denkmal immer schon sein eigenes Dementi: die Klotz gewordene Lüge, den Sozialismus in seinem Lauf halte weder Ochs noch Esel auf. Entwurf und Planung fanden während des Staatsbankrotts der DDR statt, der nur durch die Schalck-Kredite noch um ein paar Jahre hinausgezögert werden konnte. Das Denkmal steht also für die peinliche Heiligenverehrung und die fadenscheinige Selbstbestätigung eines siechen Staats und stellt dessen Blamage für alle sichtbar aus.

Kommunistinnen und Kommunisten brauchen auch heute weder ein Monument noch anderen Personenkultnippes, um sich an Thälmann zu erinnern. Er ist auch so gleichermaßen als autoritärer Parteiführer und Stalinist im Gedächtnis wie als derjenige, der die Sozialfaschismusthese durch die Initiative zur »Antifaschistischen Aktion« unterlaufen hat, der später von den Nazis mit Nilpferdpeitschen geprügelt und schließlich ermordet wurde.

Kein tränenschwerer Blick heftet sich an eine Vergangenheit, in der noch jeder Viertklässler auf Thälmann »vereidigt« wurde. Selbstverständlich ist der Genosse kein Bezugspunkt für die heutige radikale Linke. Identitär ist dagegen die überkorrekte Abgrenzung gegen jedes Fitzelchen revolutionärer Geschichte. Sie spielt der Macht in die Hände. Dem liberalen Ortsgruppenführer ist der Kommunismus noch immer ein Schrecken. Die FDP-Jugend klammert sich deshalb an Ideologie und Terminologie des Antitotalitarismus. Konsequente Gesellschaftskritik und fliegende Farbeier werden mit neonazistischen Mordserien gleichgesetzt. Diese Totalitarismusdoktrin ist leider viel einflussreicher, als es die liberalen Windbeutel vermuten lassen: Sie zwingt in Abwehrkämpfe, stellt unter Generalverdacht und zerstört Existenzen. Sie befriedet den realexistierenden Kapitalismus ideologisch und gibt seinen Bütteln freie Hand. Man muss Hermann L. Gremliza nicht zustimmen, wenn er sagt: »Solange als Stalinismus gilt, was die Welt von einer doch überraschend großen Menge Nazis befreit hat, will ich die Auszeichnung in Ehren halten.« Man muss ihm aber auch nicht unbedingt widersprechen. Kein Fußbreit den Liberalen! Zumal derart totalitären Liberalen: Nicht einmal die vollgesprühten Überreste des niedergeschlagenen DDR-Staatskapitalismus will man in der Berliner Innenstadt dulden.

Oder haben die Jungliberalen nur als Erste verstanden, dass das Thälmann-Denkmal erst und gerade in seiner heutigen Verfassung gefährlich wurde? Es ist keine homezone mehr für Staatsbürger mit und ohne Uniform. Der dort abhängenden Jugend ist ihr Skateboard offensichtlich wichtiger als Deutschland. Graffiti-Crews haben mit ihren Logos das Autoritäre des Monuments konterkariert und so seinen antifaschistischen Appell gerettet. Denn einen Finger kann man noch immer brechen, aber fünf Finger sind noch immer eine Faust!

»Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.« Schrieb Walter Benjamin. Es braucht gar keine Debatte um abzureißende Denkmäler, sondern um den Abriss einer Gesellschaftsordnung, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft. »Der Kapitalismus muss immer Hiebe kriegen!« (Thälmann)

Wann das Thälmann-Denkmal abgerissen oder verchromt wird, wird der Berliner Sowjet zur rechten Zeit bestimmen.