Die Demokratie der Gedenktage

Dem 9. November gründlich gedacht, sind positive Seiten abzugewinnen. Wie jedem Tag im Laufe der Jahre. Mal regnet es, mal scheint die Sonne.

Am 9. November wird in Zukunft der Zivilisiertheit der Deutschen gedacht. Im Jahr 2009 jährt sich am 9.11 der Mauerfall zum 20. Mal. Gedacht werden soll dem bloßen Volkswillen, der Mauern einstürzen ließ, und der den Deutschen einige Tage andauernden Gemeinschaftsgefühl ohne äußeren Feind bescherte. Längst ist die Vereinigung Deutschlands als erste erfolgreiche und friedliche deutsche Revolution in den offiziellen Geschichtsbüchern notiert.

Bevor Deutschland in die glückliche Situation geraten ist, am 9.11. ein freudiges Ereignis zu feiern, galt es dem 9.11.1938 zu gedenken. Der Tag an dem die Deutschen mit Freude an Pflichterfüllung und Gehorsam Juden jagten, ausraubten und erschlugen, um dann zur systematischen Ermordung aller Juden und aller sonstigen als Volksschädlinge ausgemachten Personen überzugehen. Lange wurde kein Umgang mit diesen Taten gefunden. Zuerst wurde eisern geschwiegen, dann lange über einen Schlußstrich unter die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gestritten. Nach jahrzehntelangen Denkmaldebatten, Kriegseinsätzen der Bundeswehr im Namen von Auschwitz, statuierter Rechtssicherheit gegenüber den Ansprüchen von Zwangsarbeitern der deutschen Wirtschaft im NS, Denkmaleröffnungen, Gedenkdiskursen und aufwendig begangenen Gedenkjahren, fanden die mittlerweile professionellen deutschen Gedenkarbeiter einen Weg den 9.11.1938 in eine positive deutsche Geschichtsschreibung zu integrieren.

Die Repräsentanten der gegenwärtigen deutschen Nation haben verstanden, dass sie sich mit der Reichspogromnacht auseinandersetzen müssen, um eine vollständige Nation zu werden. Keine selbstbewußte Nation ohne nationale Geschichte und ohne ein positives nationales Erbe. Im heutigen Deutschland heißt dies: Die Lehren aus der Vergangenheit ziehen, das kulturelle Erbe von Auschwitz annehmen. Die schwer erarbeitete offizielle Anerkennung der deutschen Schuld führte zu der Erkenntnis, dass auch die unvorstellbarsten Verbrechen noch ihr Gutes haben. Man kann aus Ihnen lernen.

So sehr die Freude am Töten am 09.11.1938 auch zu ertragen sein mag, ohne sie wäre die Freude der Mauerspechte am 09.11.1989 so nicht möglich gewesen.
Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz ist der 9.11.1989 ein Beweis für die Zivilisiertheit der Deutschen. Erst die unvorstellbar grauenhaften Taten der deutschen im NS, machen die geläuterten, demokratisch gedenkenden Deutschen von heute zu unglaublich vollkommenen Menschen. Sie haben die Hölle industriell produziert, aber als man sie besiegt hatte, läuterten sie sich und schafften eine friedliche Revolution. Eine solche Bandbreite an menschlichen Taten, böse wie gut, kann keine andere Nation zu den ihren zählen. Eine Nation mit soviel Lebenserfahrung ist prädestiniert eine Nation von Gedenkexperten zu werden. Im Namen von Geschichtsbewußtsein und Verantwortung zeigen die Deutschen Menschlichkeit und die gedenkt als abstrakte auch den nationalsozialistischen Tätern als menschliche Opfer des Allierten „Bombenterrors“, den aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern “vertriebenen” Deutschen und dem „Unrecht der DDR“. Deutschland erzählt Geschichte allein als Geschichte des Leidens vermeintlich Unschuldiger, einfacher Bürger. Die traurige Geschichte des kleinen Mannes, dem es ganz besonders arg zugesetzt hat.

Formal korrektes Gedenken an den 09.11.1938, an die Opfer des Nationalsozialismus, hat die Tür für die neue positive Geschichtsschreibung von Freiheit und Einigkeit geöffnet die - gegenwärtig auf dem Territorium des deutschen Staates institutionalisiert und gefeiert wird. Das Stöbern im deutschen historischen Museum ist wieder möglich. Der Zivilisationsbruch Auschwitz ist offenbar kein ausreichender Grund, eine Verbindungslinie der deutschen Geschichte über brauchbare Ereignisse für die positive nationale Identität des heutigen deutschen Staates, zu verunmöglichen. Mit der Anerkennung von Auschwitz als Zivilisationsbruch wird die unfassbare Grausamkeit der deutschen Täter in die absolute Unfassbarkeit der Taten umgewandelt, aus Verbrechern werden Verbrechen. Auschwitz ist zwar Bezugspunkt des vorbildlichen Gedenkens, aber in ihm vor allem ein händelbares Problem für eine kontinuierliche Geschichtskonstruktion der deutschen Nation. Der Zivilisationsbruch werde nicht wieder geschehen, wenn nur der Vergangenheit und damit auch den positiven Ereignissen der deutschen Geschichte gedacht werde.

Während ein kleiner offizieller Gedenkakt im Bundestag kurz für den 09.11.1938 einhält, wird Klaus Wowereit am 9.11.2009 mit einer Menge von Schülern Berlins vor dem Brandenburger Tor eine symbolische Mauer aus Dominosteinen einreißen; individuell und sinnreich von den Schülern in langfristigen Projekten zu Stärkung von deutschem Geschichtsbewußtsein und demokratischer Gesinnung gestalteten. Dem Vergessen anheim fällt die Nachwendezeit und der Hass der in der kapitalistischen Realität erwachten vereinten Nation. Bunte Dominosteine statt einer Auseinandersetzung mit brennenden Asylbewerberheimen und der Abschaffung des Asylrechts.
Ein paar hundert Meter weiter vor dem in Planung befindlichen Preußenschloss wird im Beisein der Staatsführung der Grundstein für das deutsche Freiheits- und Einheitsdenkmal gelegt und in großen Reden ein Bogen vom 09.11.89 zur deutschen Freiheitsbewegung von 1848 gezogen. Für den Erhalt des sozialen Friedens im globalen Kapitalismus, wird die Ideologie von Freiheit und Demokratie in einer standhaften Nation über starke Geschichtsbilder und Geschichtskonstruktionen gestärkt.

In Moabit wird eine kleine antifaschistische Demonstration vom Mahnmal Levetzovstrasse zur Brücke am Westhafen ziehen, der Opfer der Reichspogromnacht 1938 gedenken und auf den gegenwärtigen Antisemitismus aufmerksam machen. Diese Demonstration folgt dem deutschen Gedenkkalender, aber nicht der nationalen Geschichtskonstruktion. Sie fordert antifaschistischen Widerstand gegen Antisemitismus, Rassismus, Ausgrenzung und deren Ursachen: der kapitalistischen Gesellschaftsformation und des Nationalismus einer nationalstaatlich konstituierten Welt und Weltgeschichte. Solange diese nicht abgeschafft sind, kann der 9.11.1938 an welchem Tag auch immer wieder geschehen.

TOP B3RLIN ruft dazu auf die Zeit bis zum 9.11.2009 zu nutzen, um die Gedenkpraktiken im offiziellen Jubeljahr 2009 zu kritisieren, zu stören und anzugreifen.

 

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