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Keine Zukunft ist auch keine Lösung

Eine Broschüre von Theorie.Organisation.Praxis B3rlin zu Digitalisierung und Kommunismus

Mit einem Vorwort und Interview von ...ums Ganze! Kommunistisches Bündnis
 

 

1. Technik als Utopie und Verhängnis

Die sozialen Verheerungen nehmen kein Ende, während die technologische Entwicklung eine beispiellose Beschleunigung erfährt: Schwarmroboter, die virtuelle Realität des Internets, Smartphones und Transrapid, vernetzte Fabriken, gentechnisch verändertes Superfood, Maschinen, die ein horizontales Netz bilden, um das Universum in der Nähe des Urknalls zu kartographieren. Auf der anderen Seite? Die Erde als Planet der Slums. Massenhafte Arbeitslosigkeit und die Auflösung des Privaten zugunsten endloser Arbeit, die Vervielfältigung tödlicher Grenzen und die allgegenwärtige Disziplinierung durch die Polizei, Unterernährung und verordneter Genuss. Am Beginn des 21. Jahrhunderts schließt sich das nicht aus. Mehr noch: Die Technik ist Teil der Katastrophen. Drohnen werden zum Morden eingesetzt, der Einsatz von Agrarrobotern zwingt Menschen in Lebens- und Arbeitsbedingungen zurück, die denen des frühen Mittelalters ähneln, der islamistische Terrorismus orientiert seine blutige Propaganda der Tat an der Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Netzwerke und der Spektakellogik des Bilderjournalismus.

 

Dabei sind Utopie und Technik verschwistert. Die Aufklärung formulierte angesichts dessen, was sie als die zunehmende wissenschaftlich-technische Beherrschbarkeit der Natur wahrnehmen musste, ein dynamisches Weltbild: Die Dinge sind veränderbar. Die Maschinen sollten das Leben leichter machen und das Tor zum »Reich der Freiheit« weit aufstoßen. Indem das utopische Denken die Technik als solche zur befreienden Kraft erklärt, verschleiert es, dass diese gleichzeitig Teil gesellschaftlicher Verhältnisse ist. So können die Maschinen zwar bereits heute dem Menschen Tätigkeiten abnehmen, die lebensgefährlich oder mindestens lästig sind. Gleichzeitig gilt aber, dass, wo Kapitalismus herrscht, die Menschen ihren Lebensunterhalt sichern, indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Diese Arbeit, mag sie sich noch so massiv verändern, soll und kann bedauerlicherweise gar nicht verschwinden. Stattdessen finden wir uns schon in unserem Alltag – nicht erst in dessen dystopischem Zusammenbruch – eingespannt in Mensch-Maschine-Technologien, die Normen und Standards für optimale Arbeitsabläufe, Vorgaben für Arbeitsschritte und erreichbare Leistung schaffen. Die technologische Entwicklung ist mit Herrschaft verbunden und nicht mit der Hoffnung auf Befreiung von dieser Herrschaft.

 

Es ist daher notwendig, die aktuellen Veränderungen im Licht der kapitalistischen Moderne und ihrem Verhältnis zur Technik zu betrachten. Technik meint hier nicht einzelne Maschinen, aber auch nicht techné im antiken Sinne (handwerklicher) Fertigkeiten. Unter Technik verstehen wir das System der Elemente, in und mittels dem sich das gesellschaftliche Leben vollzieht. Technik vermittelt den Zugriff aller Sphären der Gesellschaft und deren Beherrschung. Die Digitalisierung scheint uns dabei das dominante Moment der derzeitigen Veränderungen dieses Systems darzustellen. Sie ermöglicht neue Automatisierungsschübe und ist als Informationstechnologie zugleich eine Metatechnologie, welche die Rekombination vorhandener Technologien zu neuen technologischen Systemen erlaubt. Mit Blick auf die Digitalisierung lassen sich deshalb, so die diesem Text zugrunde liegende Annahme, aktuelle Tendenzen und deren Position angesichts der Widersprüche des Kapitalismus herausarbeiten. Politische Kämpfe sind in ihrem Bezug auf diese Entwicklungen zu befragen, um den Horizont emanzipatorischer Veränderungen neu zu vermessen.

 

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reproduce(future) ist eine Anweisung in einer imaginären Programmiersprache. Die Syntax dieses Ausdrucks entspricht derjenigen vieler Programmiersprachen: reproduce ist eine Funktion, future der Input (Argument, Parameter) dieser Funktion. Wir übergeben der Funktion etwas, sie manipuliert es und erledigt damit eine Aufgabe. Ist der Code der Funktion unzugänglich, sehen wir nicht, wie sie berechnet, was sie implementiert. reproduce(future) kann als maschinische Anweisung des Kapitals verstanden werden. Was sie macht, unterliegt nicht der Entscheidung eines Individuums oder einer Gruppe. Automatisch setzt sie das Bestehende immer wieder ein, in diesem Fall die Aufrechterhaltung der Rahmenbedingung zur fortgesetzten Verwertung des Werts. Sie reproduziert die Zukunft, in dem sie diese auslöscht. Das ist der Kapitalismus als Technik. reproduce ist eine Blackbox. Herauszufinden, wie sich der Kapitalismus reproduziert, heißt, diese Blackbox zu öffnen. Dabei können wir uns nicht damit zufrieden geben, bloß ihre Input-Output-Relationen zu verstehen. Wir müssen zunächst ihre Funktionsweise selbst betrachten. Darüber hinaus gilt es aber auch, zu zeigen, dass es sich beim Kapitalismus gerade nicht schlicht um eine Maschine handelt, sondern um soziale Beziehungen. Die Frage nach der Reproduktion des Kapitalismus kann also nicht ohne die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation gestellt werden. Die Widersprüche, die sich hier zeigen, sind keine Macken im Code, die wegoptimiert werden können, sondern elementarer Bestandteil der Funktionsweise des Kapitalismus selbst. Sie machen gleichzeitig seine Überwindung möglich. Das erlaubt es uns, eine emanzipatorische Zukunft ins Auge zu fassen. In diesem Sinne ist reproduce(future) aber auch ironisch gemeint. Kein Programm und keine Maschine kann uns die politische Arbeit abnehmen. Emanzipation bedeutet, sich gegen die Automatismen zu wenden, die wir selber durch unser Handeln täglich wieder einsetzen, und sie der gemeinsamen Entscheidung zu öffnen. Weder die befreite Zukunft noch die Befreiung lässt sich an einen Algorithmus delegieren. So verstanden ist reproduce eine unmögliche Funktion. Die (Re-)Produktion einer wünschenswerten Zukunft der Gattung Mensch bleibt zugleich auf die Technik angewiesen. Deshalb gilt es sich den Code der gesellschaftlichen Reproduktion verfügbar zu machen, ihn gemeinschaftlich und in Hinblick auf das Gemeinsame einzurichten. reproduce(future) verweist auf das emanzipative Potential der Technik.

 

Versuche, Digitalisierung als automatische Entwicklung hin zu einem wie auch immer gearteten Postkapitalismus zu verklären,[1] wie auch die Befürchtung, die Technik sei ein eigenmächtiger oder gar schicksalshafter Herrschaftszusammenhang, dem wir ausgeliefert sind, sitzen dem Fetisch der Warengesellschaft auf.[2] Sie verfehlen die relevanten Fragen bereits im Ansatz. Und sie streichen die sozialen Kämpfe durch, deren Rahmen die Maschinen mitbestimmen und die umgekehrt unseren Umgang mit und Zugriff auf diese entscheidend beeinflussen. Diese Vereindeutigungen der widersprüchlichen Verfasstheit der Technik im Kapitalismus führen einen Konflikt innerhalb der Linken in Bezug auf die Technik erneut auf, den es gibt, seit es den Kapitalismus gibt. Offenbar erneuert er sich mit jedem technologischen Entwicklungsschub. Gerade in ihrer beständigen Wiederaufführung verweisen diese Vereindeutigungen aber darauf, dass die Frage nach der Technik wohl zu stellen bleibt und dass sie anders gestellt werden muss: Wie können wir die Maschinen – und mit ihnen uns – vom Kapitalismus befreien?[3]

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[1] So jüngst etwa der britische Journalist Paul Mason in Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016. Mason prognostiziert darin, dass die zunehmende Verbreitung digitaler Güter zum Übergang vom Kapitalismus zum Postkapitalismus führen könnte. Die Preise dieser Güter tendierten gegen null und unterwanderten so klassische Preisbildungsmechanismen. Weil Information immer mehr zum zentralen Produktionsfaktor würde, könnte dieser »Nullpreis-Strudel« irgendwann die gesamte Wirtschaft erfassen. Laut Mason ist eines der wichtigsten Kennzeichen der dann folgenden, neuen Vergesellschaftung, dass Güter auch weiterhin produziert werden, obwohl sie kostenlos seien oder nur billig verkauft würden. Gleichzeitig verschwämme die Grenze zwischen Freizeit und Arbeitszeit und hierarchiearme Organisationsformen setzten sich durch. Warum wir das für wenig plausibel halten, entwickeln wir auf den folgenden Seiten.

[2] Christian Voller entwickelt den Zusammenhang zwischen der Idee einer Eigenmächtigkeit der Technik und der Produktionsweise des Kapitalismus anhand einer Auseinandersetzung mit den Denkern der ›Konservativen Revolution‹, insbesondere die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger, Oswald Spengler, Arnold Gehlen und Martin Heidegger. Er hält dagegen an den Einsichten der Kritischen Theorie in den Verblendungszusammenhang der Warengesellschaft und dessen notwendiger Kritik fest. »Im Zeitalter der Technik? Technikfetisch und Postfaschismus« aus dem u.a. von Ingo Elbe herausgegebenen Sammelband Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, Münster 2012, Seite 249-279.

[3] Wir leihen uns für den Einstieg in unseren Text dieses Bild bei dem Autor Dietmar Dath, der mit diesem umgekehrt seine Streitschrift Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus, Frankfurt am Main 2008, beschließt. Wie kompliziert es ist und welche grundsätzlichen Schwierigkeiten einem bei dem Versuch begegnen, ist Gegenstand der folgenden Seiten.