Antikapitalismus von Rechts?

Das Projekt «Nationaler Sozialismus» und seine historischen Vorläufer
von Joachim Bons

Die NPD-Zeitung Deutsche Stimme (DS) beschwört den „nationalen Antikapitalismus“, will den „Kapitalismus zerschlagen“1 und Aktivisten der Partei präsentieren auf ihren Aufmärschen Parolen wie „Gegen Kommunismus, gegen Kapitalismus für deutschen Sozialismus“. Mit der Übernahme des Parteivorsitzes durch Udo Voigt 1996 verband sich ein politischer Wandel von NPD und Jungen Nationaldemokraten, der die Partei nun in den Fußstapfen der verbotenen FAP strategisch darauf orientiert, die soziale Frage von rechts zu besetzen und sich als Fundamentalopposition zu präsentieren, die einzig imstande sei, die sozialen und politischen Probleme des „deutschen Volkes“ zu lösen. Sie propagiert die sozial- und wirtschaftspolitische Verantwortung des Staates (Primat der Politik) und zieht gegen Globalisierung, Sozialabbau (Hartz IV) und Neoliberalismus zu Felde. Hier steht die NPD, ähnlich wie die „Freien Kameradschaften“, durchaus im Gegensatz zu anderen Teilen der hiesigen Rechten, die wie die Republikaner, eher marktradikal auftreten und dem neoliberalen Mainstream hinterher hecheln.

Die NPD hingegen knüpft ziemlich offen und zum Teil auch terminologisch bis in die einzelnen Formulierungen wie z.B. anhand der Verwendung von Begriffen wie „Gemeinnutz vor Eigennutz“ oder „schaffendes Kapital“ am sozial-ideologischen Projekt des „nationalen Sozialismus“ an, wie es historisch die NSDAP propagierte. Zwar ist die Parteipresse in den letzten Jahren begrifflich vorsichtig etwas zurück gerudert, so ist z.B. eher von „raumorientierter Volkswirtschaft“ die Rede, als das der Sozialismusbegriff verwendet wird, die inhaltliche Substanz aber bleibt unverkennbar. Ähnlich wie die NSDAP verkündet die NPD eine national/völkische und obrigkeitsstaatliche Antwort, bei der ein „starker Staat“ eingefordert wird, auf die soziale Frage. Hierbei greift sie – immer in Verbindung mit der Aktivierung tradierter Vorurteile – durchaus grundlegende Probleme und Risiken einer Lohnarbeiterexistenz und der Lage sozial Ausgegrenzter auf – m.E. der Schlüssel zur Erklärung ihrer politischen Erfolge. So verspricht sie (wie weiland die NSDAP) von Staatswegen die Schaffung von Arbeit, ein Recht auf Arbeit (hinter dem die „Pflicht zur Arbeit“ steht) sowie die Sicherung der Existenz in Not und Alter, selbstverständlich jeweils nur für Deutsche.2 Als gesellschafts- und machtpolitische Voraussetzung hierzu benennt die DS die Überwindung des „menschenverachtenden, ungebändigten Kapitalismus nach US-amerikanischer Art, (...dem) zum Wohle des eigenen Volkes (der) deutsche Sozialismus“ entgegengesetzt werden müsse.3 Zuversichtlich erklärt denn auch Voigt am 1.Mai 1998: „Sozialismus ist machbar“, ohne aber zu vergessen hinzuzufügen, dass dieser Sozialismus „ein Sozialismus des Volkes und nicht des internationalen Klassenkampfes“ sei.4 Die „Überwindung des Klassenkampfes“ wird vielmehr als „vordringliches Ziel“ beschrieben, ist sie doch die unabdingbare Voraussetzung des Volksgemeinschaftsgedankens5, des ideologischen Mittelpunktes aller rechten Sehnsüchte. Bereits hier dürfte unübersehbar sein, dass diese Sozialideologie rein gar nichts zu tun hat mit linker Kapitalismuskritik, mit einem emanzipatorischen Sozialismusbegriff.

Gleichwohl wird speziell von interessierter bürgerlicher Seite das Wort mitunter kurzerhand für den Inhalt genommen, und den (Neo-)Nazis gern Mal ein genuin antikapitalistischer Impetus bescheinigt, um aus durchsichtigen Motiven Munition für die Totalitarismusideologie bzw. den Versuch zu basteln, die Nazis gleich ganz der Linken in die Schuhe zu schieben. Linke GegnerInnen reagieren auf solche ideologische Manöver und die Parolen der (Neo-)Nazis nicht selten mit der eher hilflosen Qualifizierung rechter Sozialideologie und -forderungen als „sozialdemagogisch“, als bloße taktische Täuschungsmanöver, die die Menschen auf den braunen Leim führen sollten, um dann genau das Gegenteil im politischen Handeln umzusetzen. Mit derart bequemen Formeln aber lässt sich weder die Motivation der (Neo-)Nazis noch deren Anziehungskraft auch auf abhängig Beschäftigte erklären, die von ihnen die Einlösung ihrer Interessen erwarten. Sie halten einer ernsthaften Analyse auch nicht stand. Um die rechte Sozialideologie angreifen zu können, muss sie zunächst einmal ernst genommen werden. Aber sehen wir näher hin.

Wie bereits angedeutet finden sich auch im nationalsozialistischen Diskurs zahlreiche emphatische Aufrufe, die zum „Kampf gegen den brutalen, ausbeuterischen Kapitalismus“6 aufforderten. Die Goebbels-Zeitung Der Angriff bspw. präsentierte die Nazis als „Todfeinde des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems“7 und die NSBO-Zeitschrift Arbeitertum erklärte, „für ein nationales und sozialistisches Deutschland“ zu kämpfen.8 Wie heutzutage Voigt hat gleichwohl auch schon die NSDAP keinen Zweifel daran gelassen, dass sie diese Schlüsselbegriffe eben nicht in ihrem geläufigen (linken) Sinngehalt verwendete, sondern vielmehr beanspruchte, ihnen ihren angeblich durch den „Marxismus“ verfälschten ursprünglichen, völkisch-natürlichen Inhalt zurückzugeben.9 Während der marxistische Gebrauch dieser Begriffe, so die strikte Abgrenzung, die Spaltung der Nation ausdrücke und betreibe, wurden sie im Verständnis der NSDAP umgekehrt gerade dazu gebraucht, das deutsche Volk wieder zusammenzuführen.10 Die Herstellung der Volksgemeinschaft als unabdingbare Voraussetzung nationaler Stärke für den „ewigen Kampf der Völker ums Dasein“ (sprich historisch den Revanchekrieg), bleibt das entscheidende innenpolitische Anliegen aller Nazi-Fraktionen. Die als naturgegeben vorausgesetzten und aufeinander angewiesenen Volksbestandsteile LohnarbeiterInnen und Unternehmer dürfen daher nicht gegeneinander antreten, sondern müssen versöhnt und zusammengeführt werden – das ganze Geheimnis (neo)nazistischer Gesellschaftspolitik.

So erschließt denn auch bereits ein Blick auf die NS-Verwendung des Kapitalismusbegriffs sofort die Systemimmanenz dieses angeblichen „Antikapitalismus“. Mit Kapitalismus identifizierte die NS-Ideologie nicht eine spezifisch historische Gesellschaftsformation, die durch (beherrschende) Warenproduktion und das soziale Verhältnis Lohnarbeit und Kapital gekennzeichnet ist, sondern den „schrankenlosen, durch keine sittlichen Verpflichtungen gegenüber Volk und Staat beschwerten Mißbrauch des Kapitals“ bzw. die „unsittliche Verteilung von Kapital“11. Die Feinderklärung galt ausdrücklich nicht dem Kapital, konnte es doch, wusste Hitler im Völkischen Beobachter (VB) zu berichten, „einen Kampf gegen das Kapital gar nicht (geben, da) Maschinen und Produktionsstätten immer wieder gebaut werden müssen, wenn sie vorher vernichtet wurden“12. Wie im bürgerlichen Ökonomiediskurs keineswegs ungewöhnlich, identifiziert die NS-Ideologie mit dem Kapitalbegriff nicht ein verdinglicht erscheinendes (beherrschendes) historisch gesellschaftliches Verhältnis, sondern die stofflichen Produktionsmittel. Damit aber erscheint, wie der Niedersächsische Beobachter (ND) bereits 1923 mitteilte, „Kapital“ als „ein unentbehrliches Hilfsmittel zu jeder produktiven Tätigkeit“13.

Privateigentum und freies Unternehmertum werden dementsprechend grundsätzlich als vermeintlich naturgegeben anerkannt. Dem durch „redliche Arbeit“ erzeugten und in der Hand „genial“ tätiger Unternehmer „wertschaffenden“ nationalen Kapital wird ausdrücklich die Unentbehrlichkeit für Volk und Wirtschaft bescheinigt.14 Angegriffen werden letztlich lediglich Erscheinungsformen, internationalisierende (globalisierende) und zum Teil zentralisierende Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung, die kleinbürgerliche Existenzen schädigen bzw. zerstören. Die Feinderklärung gilt nicht dem nationalen Betriebskapital, sondern dem sogenannten internationalen Leih- bzw. Finanzkapital, das, so Hitler, „ohne eigene Arbeit nur den Egoismus seines Besitzers (befriedigt); es trägt Zins, es vermehrt sich auf Kosten anderer“15. Geld war aber in den Händen des Bank- und Börsenkapitals nicht nur zum ohne eigene produktive Arbeit vermittelten Selbstzweck geworden: Indem das internationale Finanzkapital alle nationalen Stände nach und nach zinspflichtig und damit wirtschaftlich dienstbar macht, hatte es sich in den Augen der Nazis längst zur Herrscherin über die schaffende Arbeit aufgeschwungen. Quelle ihres unaufhaltsamen Wachstums zu hegemonialen „Riesenkapitalien“ und schrankenloses Ziel der „internationalen Hochfinanz“ war demnach die Ausplünderung der nationalen Wirtschaften, die „rücksichtslose Ausbeutung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer im gleichen Maße“16. Auf diese Weise aber wird die Existenz von Ausbeutung nicht nur kompatibel mit dem Volksgemeinschaftsgedanken, sie wird geradezu zu seiner Lebensversicherung. Mit dem die kapitalistische Gesellschaft beherrschenden Klassengegensatz ist keine Volksgemeinschaft zu machen, und so verkehrt sich zwangsläufig die innergesellschaftliche in eine äußere, im Kern völkische Konfliktlinie: Ausbeutung vollzieht sich im völkischen Denken nicht anhand der Aneignung unbezahlter Mehrarbeit der Lohnabhängigen durch das fungierende Kapital, sondern als Raubzug des als volksfremd benannten, nicht-schaffenden (raffenden) internationalen Finanzkapitals gegen die gemeinsam wertschaffenden deutschen Arbeiter und produktiven deutschen Unternehmer, die mittels Börsenspekulation und Zins sowie mit Hilfe des „rücksichtslosen Einsatzes wirtschaftlicher Macht“ um die Früchte ihrer Arbeit gebracht würden.17 Die NPD knüpft hier wiederum ideologisch nahtlos an: Sie formuliert die Solidarität mit dem „schaffenden Kapital“, sieht die Unternehmen „immer stärker unter den Druck der Kapitalgeber“ und deren Renditeforderungen geraten und bemängelt die „Zinswirtschaft“ sowie die Aufrichtung der Weltherrschaft des „volksfremden“, „heimatlosen“ internationalen Finanzkapitals18.

Damit aber bleibt als einziger Weg gesellschaftlicher Problemlösung die völkische Einigung der Deutschen, die Reformierung der „natürlichen Einheitsfront (von) Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ gegen die Fremdherrschaft, die „Geißel des internationalen Börsenkapitals“ und seiner nichtschaffenden Profiteure, einer „an Reichtum erstickenden winzigen Schicht“ von Drohnen, die Deutschland ausplündere und beherrsche.19 So werden Völker konstruiert. Zentral für die nationalsozialistische Konstituierung des deutschen Volkes ist somit der Arbeitsbegriff, der abhängig Beschäftigte und nationale Unternehmer unter der Kategorie der „Schaffenden“ bzw. der „Arbeiter der Stirn und Faust“ subsumiert, deren Unterschiede allein in ihrer verschiedenen stofflichen Bestimmung als (überwiegend) Hand- oder Kopfarbeit gesehen werden. Damit gelten erstens „die Arbeit des Exploitierens und die exploitierte Arbeit, beide als Arbeit, identisch. (...) (Der) Exploitationsprozeß selbst (erscheint) als ein bloßer Arbeitsprozess, wo der fungierende Kapitalist nur andre Arbeit verrichtet als der Arbeiter“.20 Der Klassen- verschiebt sich zum Volksbegriff: der Ethos von Arbeit und Pflichterfüllung wird zweitens zum Nationalcharakter, zur „rassischen“ Eigenschaft der Deutschen erklärt und dem Feindbild der ausbeutenden, raffenden Nicht-Arbeit entgegengestellt. Die im Nationalsozialismus auf die Spitze getriebene Biologisierung des Sozialen verkehrt nicht nur historische gesellschaftliche Verhältnisse in Naturkategorien, sie fasst darüber hinaus soziale Attribute und Verhaltenszwänge als Ausdruck „rassischer“ Eigenschaften. So erfährt denn auch die Deutschland angeblich beherrschende und ausplündernde volksfremde Macht der Nicht-Arbeit eine rassische Präzisierung: den im antisemitischen Vorurteil traditionell mit Geld/Zins, der Zirkulationssphäre identifizierten, über die ganze Welt verbreiteten „Juden“. „Arier“ und „Juden“ werden damit geradezu als „Gegenrassen“21 aufgefasst. Entsprechend waren für den VB „Deutscher Geist und arische Schöpferkraft einerseits (...) und internationaler Finanzkapitalismus und jüdischer Händler und Raffgier andererseits (...) die beiden äußersten Gegensätze auf Erden, (...) der derzeitige welthistorische Niederschlag urewiger Gegensätzlichkeit, ins Metaphysische übersetzt der ewige Kampf zwischen den Mächten der Finsternis und den Mächten des Lichtes“.22

Der oft bemühte NS-Antikapitalismus erweist sich im Kern als Antisemitismus. Die alltäglich erfahrbaren Widersprüche und Übel kapitalistischer Gesellschaften werden von ihren Strukturen gelöst und wesentlich umgeschrieben zu Folgen biologischgenetischer Eigenschaften einer fremden, ja feindlichen „Rasse“, der es gelungen war, ihr ökonomisches Prinzip der deutschen aufzuherrschen und auch „Arier“ damit zu infizieren – die sogenannten „weißen Juden“ (die aber konnten immerhin wieder konvertieren). Nicht nur der einzelne Jude musste daher entfernt, auch das als jüdisch definierte Prinzip – Marxismus, Liberalismus – musste zerstört werden. Dem „jüdischen Marxismus“ bescheinigten die Nazis die „Geschäfte des Finanzkapitals“ zu betreiben, indem er es selbst ungeschoren lässt, um stattdessen mit seinem Klassenkampf gegen das wertschaffende nationale Kapital „Bruder gegen Bruder“ zu hetzen, damit das deutsche Volke zu spalten und Wirtschaft und Nation der Herrschaft der parasitären Weltfinanz auszuliefern23 – eine „jüdische“ Zangenbewegung. Nationale Heilung ist hier für die völkische Seele nur zu erwarten durch die Transformation des volksfremden Klassenkampfes in den Rassenkampf, den Befreiungskampf der „deutschen Arbeit“. Die Vernichtungsdrohung ereilte entsprechend die „Teufelsmacht Marxismus“24, wobei der von den Nazis mit allen Gewaltmitteln geführte Angriff auf die Organisationen und Repräsentanten der ArbeiterInnenbewegung stets untrennbar verbunden war mit der politisch-ideologischen Umwerbung ihrer AnhängerInnen. Ihre Großmachtpläne verdammten die Nazis zur Herstellung der Volksgemeinschaft – und damit zur Dekomposition marxistischen Klassendenkens, zur „Nationalisierung der deutschen Arbeiterschaft“, ihrer stabilen Wiedereingliederung in die Front von Nation und Expansion (Revanchekrieg). Ein November 1918 durfte sich nicht wiederholen.

Nun waren die Parteiideologen keineswegs so naiv, diese Aufgabe allein mittels des Einsatzes von Gewalt und Weltanschauung lösen zu wollen. Wenn, so befand vielmehr bspw. der VB 1925 „der Arbeiter wieder national empfinden, denken und handeln soll, so muss er vor allem sozial befriedet werden“ d.h. die soziale Frage (entstanden als Folge historischer Versäumnisse des Bürgertums) „gelöst“ werden.25 Unter der Losung Herstellung „sozialer Gerechtigkeit innerhalb der Eigentumswirtschaft“26 insistierte der „nationale Sozialismus“ keineswegs auf der Abschaffung der Lohnarbeit, sondern er verhieß lediglich deren bessere ideologische und materielle Ausstattung und Absicherung, vor allem mittels der Herstellung von Verteilungsgerechtigkeit (z.B.„gerechter“ Lohn, Gewinnbeteiligung, Eigenbesitz), gesellschaftlcher Anerkennung, staatlicher Arbeitsbeschaffung (Recht auf Arbeit) und Versorgung im Krankheits-, Invaliditätsfall, Alter sowie der Eröffnung (sozialdarwinistischer) Aufstiegschancen. Nur kurz dazu:

  1. 1. Dies alles galt – wie auch heute bei den anfangs benannten sozialpolitischen Forderungen der NPD – nicht für „Fremdvölkische“, die bleiben ausgegrenzt. Frauen werden von (Neo)Nazis lieber als Hausfrau und Mutter (zur Aufartung der Rasse) denn als Arbeitsgenossin gesehen – auch wenn die NSDAP die säkulare Ausbreitung weiblicher Lohnarbeit nicht aufhalten konnte, so hat sie doch u.a. Frauen aus leitenden Positionen im Öffentlichen Dienst verdrängt. Grundsätzlich zielt diese Diskriminierungs- und Ausgrenzungspolitik auf die wichtigste Errungenschaft von Lohnabhängigen in einer feindlichen kapitalistischen Umwelt: die Solidarität.
  1. 2. Die Zeche der nationalen Versöhnung sollten nach dem deutschen Wiederaufstieg andere zahlen. Die „deutschen Lebensinteressen“, so der VB 1930 in aller Offenheit, müssen gegen die „Interessen anderer Völker durchgesetzt und verwirklicht werden“27. Angekündigt wurde z.B. eine nationale Expansionspolitik. Logik: Nur wenn es der Nation gut geht, kann es auch dem/der Einzelnen gut gehen. Der nationale Sozialismus löst sich auf in Natinalismus  und Volksgemeinschaft.
  1. 3. Das völkische Aufstiegsversprechen (für deutsche Männer) fußt auf einer (natürlichen) strikt hierarchisch gegliederten „modernen Leistungsgemeinschaft“ und bestätigt nicht nur die bestehenden Strukturen sozialer Ungleichheit, sondern verschärft durch sein sozialdarwinistisches Ausleseprinzip die ohnehin brutale kapitalistische Konkurrenz weiter.
  1. 4. Die Herstellung von „Verteilungsgerechtigkeit“ war gebunden an ein (sozialpatriarchalisches) Umdenken des deutschen Unternehmers, im eigenen Interesse (Befriedung, Leistungssteigerung) „gerechten“ Lohn zu zahlen (Leistungslohn) sowie an die Verantwortung des Obrigkeitsstaates für den sozialen Ausgleich. Konfliktbereite, selbstbestimmte Interessendurchsetzungen von „unten“, autonome Gewerkschaften, sind, da sie als „volksspaltend“ und damit wirtschaftsschädlich gelten, mit dem Volksgemeinschaftsgedanken unvereinbar. Neben der Aussicht auf Expansions-, Rüstungsprofite und -karrieren machte diese feindselige Haltung der NSDAP gegenüber den Linksparteien und freien Gewerkschaften die hauptsächliche Attraktivität der Partei für die traditionellen Machteliten aus (Aussicht auf Sicherung und Steigerung der Ausbeutung), ohne deren Steigbügelhaltung weder der deutsche noch der italienische Faschismus an die Macht gekommen wäre. Die Konsequenzen sind bekannt: 1933 wurden die Gewerkschaften zerschlagen, die Betriebsräte abgeschafft und Streiks verboten, die abhängig Beschäftigten sozial entmündigt und entwaffnet.
  1. 5. Gedacht als Lebensversicherung, um den deutschen Arbeiter bei der nationalen Stange zu halten, konkurrierten die sozialpolitischen Zugeständnisse im 3.Reich stets mit den herrschenden Interessen und den Anforderungen der (Rüstungs-)Wirtschaft (Kanonen oder Butter) und fielen entsprechend materiell dürftig aus. Stabilität des Regimes und Legenden basieren eher auf dem Vergleich mit den tiefen Verwerfungen der Weltwirtschaftskrise, die 1933 überall zu Ende ging. Die Arbeitsbeschaffung erfolgte im Rahmen einer Art staatlich kreditfinanzierter Wirtschaftspolitik, die im Kern auf einer immensen staatlichen Rüstungsnachfrage basierte.28 Folge war eine überschäumende Rüstungskonjunktur, die die Massenarbeitslosigkeit bis 1938 absorbierte (Arbeitskräftemangel). Gleichwohl blieb ihre Wirkung auf die Massenkaufkraft durch das Fehlen einer gewerkschaftlichen Interessenvertretung eher gering. So erreichte der durchschnittliche Wochenverdienst 1941 mit Ach und Krach gerade das Vorkrisenniveau, um dann wieder zu sinken. Gute Zeiten dagegen für Profite: Die Lohnquote sank von 61,8% 1932 auf 54,9% 1938.29 Die gepumpte, überschäumende Rüstungskonjunktur, deren Rechnung den europäischen Nachbarn präsentiert wurde, aber führte nicht nur direkt in die Gaskammern und auf die Schlachtbänke des Zweiten Weltkrieges, sie hätte ohne den „Ausweg Krieg“ in die nächste tiefe Krise geführt.
  1. 6. „Arbeitsverweigerer“, die Arbeitsplätze ohne berechtigten Grund ablehnten, im NS-Jargon „Arbeitsscheue“, verschwanden im KZ. Was heutige Arbeitslose vom Arbeitsbeschaffungsversprechen der NPD zu erwarten haben, lässt sich erahnen, wenn die DS bspw. Arbeitsdienstpflicht zur gemeinnützigen Arbeit statt Nichtstun und die „Durchforstung des sozialen Net- zes“ fordert oder die „Abzockergesinnung“ von Sozialhilfeempfängern anprangert.30

Ökonomische Krisen und soziale Verwerfungen, Ängste bilden den materiellen Nährboden für (neo-)nazistische Erfolge. Der beispiellose Aufstieg der NSDAP in nur drei Jahren zur mit Abstand stärksten Partei in Deutschland wäre ohne die Weltwirtschaftskrise nicht denkbar gewesen. Gleichwohl gibt es keinen Automatismus. Schließlich lassen sich aus derartigen Erfahrungen auch gegensätzlich andere, solidarisch-emanzipatorische, eben genuin antikapitalistische Schlüsse ziehen. Es muss also schon rechtes Denken dazukommen. Die Attraktivität (neo-)nazistischer Sozialideologie ist jedenfalls nicht erklärbar ohne deren untrennbare Verknüpfung mit tradierten Vorurteilen wie Nationalismus, Ideologie der Ungleichheit, Obrigkeitsdenken.31 Die Erfolge der Rechten sind daher immer auch Zeichen der Schwäche linker Politik sowie des schwindenden Vertrauens in die eigene Kraft einer solidarischen Interessendurchsetzung von „unten“. Solange AntifaschistInnen Kapitalismuskritik, soziale Frage und Kämpfe schnöde rechts liegen lassen, geben sie dieses entscheidende politische Feld kampflos preis.

Joachim Bons

  • 1. Deutsche Stimme (DS), Nr.5/06 sowie 4-  5/98.
  • 2. DS, 11/99, 4-5/98, 7/98, NPD-Programm 1996.
  • 3. DS, 7/98.
  • 4. DS, 4-5/98.
  • 5. DS, 9/06.
  • 6. Arbeitertum, 1.3.1931.
  • 7. Der Angriff, 28.4.1931.
  • 8. Arbeitertum, 1.10.1931.
  • 9. vgl. etwa Goebbels, Joseph: Der Angriff, Aufsätze aus der Kampfzeit, München 1935, 224 ff.
  • 10. so z.B. Hitler in einer Rede in Offenburg 1930, in: Bundesarchiv Koblenz/BAK, NS 26/52, Bl. 83ff.
  • 11. NS-Jahrbuch 1932, 233; Der Angriff, 2.4.1931.
  • 12. Völkischer Beobachter (VB), 12.4.1927.
  • 13. Niedersächsischer Beobachter, 20.5.1923.
  • 14. Vgl. etwa VB, 10.3.1926; zur NPD: DS, 7/98.
  • 15. Hitler, Adolf: Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924, Hg. Jäckel, Eberhardt; Kuhn, Axel, Stuttgart 1980, 689.
  • 16. VB, 22.5.1923.
  • 17. Z.B. Der Angriff, 9.1.1931; VB, 14.10.1930.
  • 18. DS, 2/00, 5/05, 9-10/98, 7/01, 10/01, 9/00, 12/03.
  • 19. VB, Antibolschewistische Sondernummer August 1925; Der Angriff, Ostern 1930 und 7.1.1932.
  • 20. Marx, Karl: Das Kapital, Dritter Band, in: MEW, Bd.25, Berlin (O) 1972, S.396.
  • 21. Der unwissenschaftliche Rassebegriff wird hier ebenso zwangsläufig wie ausschließlich als Bestandteil der NS-Ideologie gebraucht.
  • 22. Antibolschewistische Sondernummer, August 1925.
  • 23. Vgl. VB, 13./14.2.1927; Hitler, Adolf, Sämtliche Aufzeichnungen, S.220.
  • 24. Hitler, Adolf: Rede am 27.2.1925, in: BKA, NSD, 71/55.
  • 25. VB, 4.6.1925 und 17.10.1925.
  • 26. Arbeitertum, 15.1.1932.
  • 27. VB, 30.7.1930, siehe auch Pkt.3 NS-DAP-Programm.
  • 28. Im Hinblick auf die staatliche Arbeitsbeschaffung und Finanzierung bestehen deutliche Parallelen nicht nur zum italienischen Faschismus, sondern auch zum amerikanischen New Deal der Roosevelt-Ära.
  • 29. Siegel, Tilla: Die gekaufte Arbeiterklasse?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 9/84, S.540.
  • 30. DS, 4/00, 12-1/00-01, 11/01.
  • 31. Wer an einer ausführlicheren Analyse der NS-Sozialideologie interessiert ist, sei verwiesen auf: Bons, Joachim: Nationalsozialismus und Arbeiterfrage, Pfaffenweiler 1995.