«Die nationale Frage als revolutionärer Störfaktor»?

Völkischer Antikapitalismus als Ideologie der Systemopposition von rechts
von Kerstin Köditz/Volkmar Wölk

Wenn jemand den 109. Geburtstag feiert, dann ist dies allemal ein Fest wert. Ist diejenige, die da feiert, ein Mensch, drängen sich die Gratulanten und Festredner – vom Bürgermeister bis zum Ministerpräsidenten. Ist es eine Organisation, die dieses biblische Alter erreicht, sucht sie sich selbst einen passenden Redner. Einen, der den Bogen von den Anfängen und Ursachen der Gruppierung bis zu den Erfordernissen der Gegenwart und Zukunft zu schlagen in der Lage ist. Am 26. Oktober 1973 war es, da konnte die Burschenschaft Thessalia zu Prag in Regensburg, 1961 Gründungsmitglied des radikal-völkischen Flügel der Dachorganisation Deutsche Burschenschaft, der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, und damit laut Selbstverständnis dem „konservativen Prinzip“ verpflichtet, ihr 109. Stiftungsfest begehen.

Der Redner, den die Burschen und ihre Alten Herren für geeignet befunden hatten ihnen den Weg in die Zukunft zu weisen, war ein gewis- ser Henning Eichberg. Dieser hatte zu einem militärhistorischen Thema promoviert und arbeitete damals als Assistent für Sportgeschichte an der Universität Stuttgart.1 Es handelte sich also nicht um einen Prominenten im eigentlichen Sinne des Wortes. Trotzdem war er den Burschen wichtig, denn sie konnten davon ausgehen, dass er in diesen Kreisen ungewohnte Gedanken zu Gehör bringen würde, die nicht dem landläufigen Verständnis eines „konservativen Prinzips“ entsprachen.

Sie sollten nicht enttäuscht werden. „1848 scheiterte, aber das Kommunistische Manifest, das im selben Jahre erschien, prägte die Revolution des darauf folgenden Jahrhunderts. Für den Beobachter von Zeitgeschichte, der die Erfahrungen vergangener Revolutionsepochen mitberücksichtigt, ergibt sich also die Notwendigkeit, Ausschau zu halten nach dem, was am Rande des bestehenden Systems an Alternativen sich aufbaut, auch wenn sie – und gerade wenn sie – der herrschenden Vernunft der Stabilität als anachronistisch erscheint.“2, erläuterte er. Nicht das Stabile, der Kern des Systems sei für die Zukunft entscheidend, sondern vielmehr, was sich als Gegenentwurf an den Rändern entwickle. Hier gelte es sich einzubringen und auf der Höhe der Zeit zu sein, damit die eigenen Visionen die notwendige materielle Gestalt finden können.

„Die neuen, häufig sozialistischen Nationalismen sind dabei von nicht geringerem Interesse als die antiautoritäre Neue Linke, mit der sie durch ihre Konfliktbezogenheit verbunden sind.“3, ergänzte er. Ausgerechnet im Kreise von Burschenschaftern, die durch die Studierendenrevolte von 1967/68 und deren Folgewirkungen in die tiefste Krise ihrer Geschichte geworfen worden sind, wirbt der Referent also um Verständnis, gar Einfühlung in deren Protagonisten, deren erklärtes Ziel es doch war, gerade mit dem „konservativen Prinzip“ endgültig zu brechen und die Betonära der Bundesrepublik mittels einer umfassenden Kulturrevolution zu überwinden. Sie in einem Atemzug mit den Nationalismen im Gefolge einer tatsächlichen Revolution, der von 1948, zu nennen, kam einem Sakrileg gleich. Der damalige Nationalismus, erinnert er seine Zuhörer, sei eine revolutionäre Ideologie gewesen. Um das Banner der Nation, so die implizite Aussage, hätten sich sowohl bürgerliche Kräfte als auch antibürgerliche – sozialistische – Strömungen geschart, beide einig in dem Ziel der herrschenden Gesellschaftsordnung den Garaus zu machen.

Eichberg zögert nicht den Transfer in die damalige Aktualität zu vollziehen: „Warum kam nicht (als Antwort auf 1968, d.V.) aus der Reihe der Burschenschaften eine Initialzündung, die Einbringung der nationalen deutschen Frage als revolutionärer Störfaktor? Warum war es nicht diese Organisation, die – wie kaum eine andere in Deutschland – mit den Ursprüngen der nationalen und sozialen Revolution im Vormärz und 1848 historisch verbunden ist, die den ‚objektiven’ Tatbestand der deutschen Spaltung in die zwei – oder wenn Sie wollen: drei – Teilstaaten von Bonn, Ostberlin (und Wien) auf die Tagesordnung einer revolutionären jungen Generation setzte?“4 Der junge Hochschullehrer versteht sich vor allem als Revolutionär. Als pragmatischer Revolutionär, der seine Strategie flexibel den vorhandenen Potenzialen anpasst und zugleich danach strebt diese sowohl zu vergrößern als auch gleichzeitig den Gegner zu verwirren. Der Revolte der jungen Generation, so sein Wunsch, sollte ein neues Ziel gegeben werden: die Schaffung einer einheitlichen deutschen Nation, die gleichzeitig einen „Dritten Weg“ – jenseits von links und rechts, jenseits von Kapitalismus und Kommunismus – weist und dabei die bestehenden Systeme überwindet. Die nationale Frage als revolutionärer Störfaktor eben.

Solche Töne von rechts, von rechtsaußen gar, waren weder die alte noch die Neue Linke in der Bundesrepublik gewohnt. Die NPD als wichtigste Partei der extremen Rechten war biedermännisch, behäbig und besitzbürgerlich. Revolutionärer Elan war ihre Sache nicht. Sozialistische Parolen schon gar nicht. Doch dank der 68er Revolte war trotz der DDR Sozialismus bei Teilen der Bevölkerung der Bundesrepublik plötzlich kein Schimpfwort mehr. Es galt für Theoretiker wie Eichberg und den kleinen Theorie-Zirkel um ihn, die so genannte Sababurg-Runde, lediglich, die Diskursstränge Sozialismus, Nationalismus und Revolution zu verknüpfen.5 Diesem Thema hatte er sich seit Beginn der sechziger Jahre verschrieben und propagierte es durch zahllose Aufsätze in Zeitschriften wie „Nation Europa“ oder „Junges Forum“, dort mit seinem Aufsatz „Sozialismus von ‚rechts‘. Ein historischer Abriss“6 auch vor positiven Bezügen auf den frühen Nationalsozialismus nicht zurückschreckend.

Von ihm waren also Tabubrüchen zu erwarten. Die Burschen wussten und erwarteten dies. Sie brauchten diese Tabubrüchen, diese Wegweisungen zu neuen Ufern in einer Zeit der Defensive, in der der Kanzler der sozial-liberalen Regierung „Mehr Demokratie wagen!“ propagierte, sich Teile der ehemaligen Straßenkämpfer zum „Marsch durch die Institutionen“ aufmachten, die Arbeiterbewegung stärker als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ihr Recht einforderte und Teile ehedem sicherer Verbündeter - wie die Kirchen – zunehmend durch das „Gift von 68“ infiziert schienen.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Und so blieb Eichbergs Auftritt vor Burschenschaftlern keine einmalige Angelegenheit. Bereits am 4. Mai 1974 hatte er bei der Europatagung der Deutschen Burschenschaft in Nürnberg erneut Gelegenheit, den Korporierten die Leviten zu lesen. „Indem man der Ideologie der freien Marktwirtschaft huldigte, gab man den Konzernen freie Hand, sich der notwendigen Rationalisierung zu entziehen durch Verschiebung und Ausbeutung von fremden Arbeitskräften. Die dadurch entstehenden Infrastrukturkosten und vor allem die auf uns zukommenden sozialen Probleme (ethnische Spannungen, Gettobildung, politische Unruhen, Bildungsprobleme u.a.) werden nicht dem davon profitierenden Kapital, sondern den so genannten Gastvölkern aufgehalst, die Folgen des Entzugs von Millionen von Arbeitern in ihren besten Lebensjahren hingegen den Geberländern.“7, wetterte er. Unüberhörbar verknüpft er die Nation und das Volk. Volk ist ungleich Bevölkerung. Volk, das ist das Eigene, das vor dem und den Fremden geschützt werden muss. Insofern unterscheidet sich sein Diskurs nicht von dem, was innerhalb der extremen Rechten Konsens ist. Der Bruch mit diesem Konsens erfolgt mittels des Frontalangriffs auf die Leitideologie der BRD, die „soziale Marktwirtschaft“, dabei noch betonend, „dass es sich dabei nicht um ein zufälliges Nebenprodukt, sondern um eine notwendige Konsequenz des bürgerlich-kapitalistischen Europa handelt.“8 Das „bürgerlich-kapitalistische Europa“ wird als Verursacher des „Gastarbeiterproblems“ ausgemacht, das später im Diskurs durch das „Asylantenproblem“ abgelöst werden sollte. Die Feindbestimmung Eichbergs ist an dieser Stelle identisch mit der der herrschenden Konservativen. „Die politisch verantwortungslose und demokratisch nicht legitimierte Parole vom ‚Deutschland als Einwanderungsland’ ist uns noch in den Ohren“9, klagte er. Der Unterschied liegt in den vorgeschlagenen Problemlösungen: „Diese Entwicklungen können nur gesteuert werden, wenn das bürgerliche Europa von seinen Grundlagen her infrage gestellt und bekämpft wird.“10

Eichbergs selbst gestellte Aufgabe bestand also in nicht weniger als in der Schaffung einer revolutionären Front gegen das bürgerlich-kapitalistische System. Anders als die Funktionäre der alten Rechten verortet der Ideologe der Neuen Rechten das Kampffeld nicht bloß nicht nur auf dem Boden der noch zu schaffenden Nation, den „Teilstaaten von Bonn, Ostberlin (und Wien)“, sondern in ganz Westeuropa. Sein Nationalismus versteht sich ausdrücklich als europäischer. Seine Bezugsgröße „Volk“ ist nicht an die Grenzen der Nationalstaaten gebunden, sondern lebt in Nordschleswig ebenso wie in Eupen-Malmedy, in Südtirol wie im Elsaß, in Bonn, Berlin und Königsberg. Antiimperialismus mutiert in diesem Denken zur völkischen Kategorie, jene bekämpfend, die dem deutschen Volk sein „Recht auf Selbstbestimmung“ vorenthalten. Gegner sind also sowohl die Herrschenden im eigenen Lande als auch die Staaten des realsozialistischen Lagers ebenso wie die bürgerlich-kapitalistischen Kräfte in Westeuropa als Problemverursacher und als Handlanger der im Hintergrund wirkenden USA, die Westeuropa in imperialistischer Abhängigkeit halten wollen. Dieser Ansatz wird gespeist durch die traditionelle Ideologie der deutschen völkischen Rechten wie auch durch Modernisierungsbestrebungen der französischen Nouvelle Droite11, zu der Eichberg seit spätestens 166 enge Kontakte unterhält. Zugleich aber lassen sich mögliche Übergänge und Konvergenzen mit Denkmustern ausmachen, die in der damaligen Neuen Linken gängig waren.12 Dort waren es nur bestimmte Formen des Nationalismus, die einer Stigmatisierung unterlagen; verbreitet dagegen war eine Glorifizierung der „nationalen Befreiungsbewegungen“ des Trikont. Hier sieht Eichberg mögliche Brückenköpfe für seine Ideologiearbeit. Mehrheitsfähig innerhalb der damaligen extremen Rechten wurde diese allerdings nie.

Wenig von dem, was Eichberg damals als Kapitalismuskritik von rechts formulierte, war neu oder originell. Ungewohnt war es nur im deutschen Kontext, in der die Denkfaulheit von links sich mit der Dummheit und Geschichtsvergessenheit von rechts ergänzte. Beide Kontrahenten waren in ihrem Bild über die extreme Rechte geprägt durch ihre Fixierung auf die NSDAP, wobei der Blickwinkel noch zusätzlich durch den Umstand verengt wurde, dass man sich oftmals auf die Phase des Faschismus an der Macht konzentrierte. Ideologiekritische Untersuchungen oder solche, die den NS in ein Gesamtbild und –geschichte der extremen Rechten in Deutschland einordneten, waren Mangelware. Somit blieb links und rechts weitgehend ausgeblendet, dass Eichberg mit seinen Positionen genau an den Wesenskern des historischen Faschismus anknüpfte.

Jenen Wesenskern, den der israelische Historiker und Faschismustheoretiker Zeev Sterhell in seinen Werken sowohl zum französischen13 wie auch über den italienischen Faschismus14 für jenen Zeitraum herausgearbeitet wird, an dem der eigentliche Charakter einer Ideologie besonders deutlich wird, nämlich in ihrer Entstehungsphase. Sternhell wendet sich gegen die verbreitete Tendenz, der Ideologie des Faschismus ihre Bedeutung abzusprechen oder sie zu einem sekundären Faktor herabzustufen. Für ihn ist es kein Argument, dass die ursprünglich propagierten Ziele des Faschismus nur noch in stark modifizierter Form oder gar nicht umgesetzt wurden, wenn dieser an die Herrschaft gelangte. Diese Feststellung treffe ebenso auf die sozialistischen Staaten zu, deren Herrschaftspraxis kaum als deckungsgleich mit der Ideologie bezeichnet werden könne, die als Ausgangspunkt der Praxis diente. Jede politische Bewegung verändere sich auf dem Weg zur Macht und erst Recht an der Macht. Sie sei gezwungen Kompromisse einzugehen und Bündnisse zu schließen, habe Entwicklungen zu berücksichtigen, die zum Zeitpunkt der Entstehung der Ideologie noch nicht absehbar waren.

Die Vor- und Frühphase der Faschismen ist für ihn deshalb sein zentraler Untersuchungsgegenstand. Als Auslöser der Entstehung der faschistischen Ideologie betrachtet eine „intellektuelle Krise der Jahre nach 1890“.15 Für Ideologen der Rechten kristallisierte sich die Untauglichkeit der bürgerlich-liberalen Gesellschaft heraus, die in eine kulturell-moralische Krise geführt habe. Theoretiker der Linken wiederum diagnostizierten eine Krise des Marxismus, denn das revolutionäre Subjekt, das Proletariat, habe schmählich vor seiner Aufgabe versagt, die sozialistische Revolution zu machen und sich stattdessen über die sozialistischen Parteien in die liberale Demokratie integrieren lassen. In einem langwierigen Transformationsprozess entstand aus beiden Ansätzen eine ideologische Synthese, die weder mit der bisher bekannten – nunmehr alten – Rechten identisch war, noch mit der traditionellen – nunmehr ebenfalls alten – Linken in Einklang zu bringen war. Für den Außenstehenden mochte sie tatsächlich als das erscheinen, als was sie sich selbst charakterisierte: weder links, noch rechts. Da das Proletariat vor seiner Aufgabe versagt hatte, wurde ein neues revolutionäres Subjekt gefunden, die Nation. Jene Nation, die der Ausgangspunkt für jegliche Ideologiearbeit der Rechten gewesen war, die aber unvollständig und handlungsunfähig bleiben musste, da die kapitalistische Ordnung Teile der Nation, nämlich das Proletariat, aus ihr ausgrenzte. Der britische Faschistenführer Sir Oswald Mosley, auch er ehemaliger Sozialist, brachte diesen Ansatz später auf die einfache Formel: „Wenn du dein Land liebst, dann bist du national, und wenn du dein Volk liebst, dann bist du Sozialist.“16

Als faschistische Organisation noch vor der Entstehung des Begriffs kann der französische Cercle Proudhon bezeichnet werden. Unter der Ägide des Präsidenten und Vordenkers der nationalistischen Action Française traf sich im November 1911 erstmals ein Kreis von Personen, der heute wohl als „Querfront“ bezeichnet werden würde. Jener Charles Maurras charakterisierte den ungewöhnlichen Zirkel als Gruppe, in der „alle gleichermaßen leidenschaftlich für die Organisierung der französischen Gemeinschaft gemäß den der französischen Tradition angemessenen Prinzipien sind, die sie im Werk Proudhons und in den syndikalistischen Bewegungen der Gegenwart wieder finden.“ Von linker Seite gehörten zu diesem Zirkel, benannt nach dem anarchistischen Theoretiker Proudhon, mit Edourd Berth ein Schüler und Vertrauter George Sorels und mit Georges Valois17 ein Syndikalist, der sich in der Publizistik der Gewerkschaft CGT bereits einen Namen gemacht hatte. Gewiß, der Zirkel war zahlenmäßig unbedeutend, nur kurzlebig und auch die Reichweite seiner Zeitschrift „Cahiers du Cercle Proudhon“ mit 200 Abonnenten und einer Auflage von 600 Exemplaren sehr eingeschränkt. Und doch sollten die dort geleisteten ideologischen Vorarbeiten von enormer Bedeutung für die spätere Entstehung und Entwicklung faschistischer Organisationen sein. 

Und wenn gerade gegenwärtig eine Neuauflage der genannten Zeitschrift des Kreises publiziert wird, dann ist dies ein weiteres Indiz dafür, dass die damals erstmals organisiert gesuchte Synthese von linken und rechten Antikapitalisten mittels der ideologischen Klammer des Nationalismus trotz eines gegenteiligen Reihentitels („Collection les inactuels“) keineswegs als inaktuell angesehen wird. Präsentiert wird der Reprint18 mit einem Essay von 80 Seiten durch Alain de Benoist, den Kopf und Motor des französischen „neu“ rechten GRECE, der mit den Sätzen ausklingt: „Die Geschichte des Cercle Proudhon ist nicht die einer gelungenen Synthese, aber doch ist diese Episode des französischen politischen Denkens nicht weniger als ein Zeugnis für das Klima einer Epoche, die sicherlich nicht frei von Polemiken war, in der jedoch Persönlichkeiten der gegensätzlichsten Richtungen nicht zögerten, in einen Dialog zu treten und ihre Ansichten auszutauschen. Der Cercle Proudhon hat aufgezeigt, was an einem solchen Dialog fruchtbar sein könnte oder auch an einem Bündnis zwischen politisch entgegen gesetzten Strömungen, die das klare Begreifen, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, zusammenführt. Ein ungeschickter Versuch künstliche Klüfte zu überwinden, der zugleich davon zeugt, dass die Revolutionäre aller Richtungen sich stets einander sehr viel näher sein werden als sie es den Reformisten des eigenen Lagers sein könnten.“19 Benoist schließt mit dem Rat, dass die „Cahiers“ heutzutage eine aufmerksame Lektüre verdienten, die zugleich kritisch als auch von herzlicher Sympathie geprägt sein solle.

Das, was wir heute als „Antikapitalismus von rechts“, z.B. in der so genannten „Antikap-Kampagne“ der Jungen Nationaldemokraten, erleben und lesen, ist also weder neu noch originell. Es verweist sowohl auf die Ursprünge des europäischen Faschismus wie auch auf Vorarbeiten deutscher Nationalrevolutionäre. Diese antikapitalistische, systemoppositionelle Ausrichtung dürfte allerdings kaum auf eine gründliche Rezeption der schriftlichen Quellen des eigenen Lagers zurückzuführen sein, sondern ihre Ursache in dem schlichten Umstand haben, dass auch die heutigen Neonazis Teil der Gesellschaft sind, in der sie leben und ihre Politik entwickeln. Sie reagieren auf manifeste Krisensymptome und suchen nach Lösungen. Ihre Kapitalismuskritik wird folgerichtig in die bereits bestehende Ideologie eingefügt werden. So wie der frühe Henning Eichberg die „nationale Frage als revolutionären Störfaktor“ ausmachte und Deutschland als Einwanderungsland nur als Horrorvision im Dienste des Kapitalismus begreifen konnte, so ist auch der heutige „Antikapitalismus von rechts“ nur in Verbindung mit Nationalismus und Rassismus vorstellbar.

Trotzdem ist die Geschichte natürlich nicht die Wiederkehr des Immergleichen. Sie verändert sich und bietet neue Ansatzpunkte für Konverenzen. Das Feindbild USA hatte aus historischen Gründen für die Akteure des Cercle Proudhon noch keinerlei Bedeutung, es wurde bereits genutzt vom NS-Regime und dessen Verbündeten20, wurde weiterentwickelt durch die europäischen nationalrevolutionären Bewegungen und ist gegenwärtig zu einem zentralen Ideologem in der Ideologie der extremen Rechten geworden. Natürlich bieten sich genau auf diesem Feld vielfältige Ansatzpunkte für die auch heute angestrebten Konvergenzen und Synthesen. Die Reihe der Renegaten von links, so die Hoffnung der extremen Rechten, möge mit Horst Mahler und Bernd Rabehl noch nicht an ihr Ende gelangt sein21. Ist nicht auch diesen ehemaligen Linksradikalen ihr revolutionäres Subjekt abhanden gekommen? Werden nicht auch sie bereits sein, bei gemeinsamer Gegnerschaft zu Kapitalismus und „Amerikanismus“ das Trennende beiseite zu schieben? Wird deshalb möglicherweise eine neue Synthese mit neuen Akteuren entstehen?22

Zwar werden wir keine Mühe in einen Streit mit ihm investieren, wenn er über die Grünen feststellt: „Diese Partei soll zur Hölle fahren.“23 Doch wenn er dies unter der Überschrift „Grüne verbieten“ tut und gleichzeitig mittels Relativierung die NPD aufwertet, dann ist dies zumindest eine Intervention wert. Geben wir Elsässer im Wortlaut wieder: „Viel Kraft investiert die Linke derzeit, wieder einmal ein Verbot der NPD zu fordern. Schön und gut. Aber warum werden die Grünen gleichzeitig mit Samthandschuhen angefasst, immer wieder zu Bündnisgesprächen eingeladen und von nicht wenigen in der Linkspartei als künftiger Koalitionspartner gehandelt? Wer wollte bestreiten, dass der Politik der Grünen in Jugoslawien und Afghanistan und anderswo weit mehr Menschen zum Opfer gefallen sind als der Politik der NPD? (...) Ist es nicht der Sozialraub durch Hartz IV und Agenda 2010, den die Öko-Yuppies kaltschnäuziger vorangetrieben haben als die immer wieder zaudernden Volksparteien SPD und Union, der die Verzweifelten der NPD in die Küche treibt?“ Du jubelt Jürgen Gansel und hat nur eines auszusetzen, dass nämlich die Politik der NPD Opfer gekostet haben solle. Recht hat er. Es nicht die Politik der NPD, es waren die durch ihre Ideologie geformten und geprägten Schlägerbanden.

Doch Gansel findet weitere Punkte für eine künftige Synthese. Elsässers jüngste Publikation, der Band „Angriff der Heuschrecken. Zerstörung der Nationen und globaler Krieg“, bereits im Titel eine kaum verhüllte Anknüpfung an antisemitische Stereotypen, wird von ihm als „hochlesenswertes Buch“ charakterisiert, „das einem politischen Gesprächs- und Bündnisangebot an die nationale Opposition gleichkommt“. Dem letzten Teil der Einschätzung schließen wir uns ausdrücklich an. Gansel lobt die „Absage an Randgruppenkult, US-Hörigkeit und Israel-Tümelei“, seinen „Widerstand gegen Arbeitsmigration, Inländerfeindlichkeit, EU-Fremdbestimmung und Staatszerstörung“, zitiert die von Elsässer im Interview mit dem „Neuen Deutschland“ geäußerte „schier bahnbrechende Erkenntnis“: „Ein kluges Wort, schon ist man Nationalist.“

Nein, Jürgen, kluge Worte haben wir von dir schon lange nicht mehr gehört. Stattdessen haben wir deine wiederholten Versuche gelesen, dein eigener Cercle Proudhon als Ein-Mann-Veranstaltung zu sein. Das wäre normalerweise noch nicht einmal eine Randglosse in der Geschichte der Linken wert. Wenn, ja wenn der Jürgen allei- ne wäre. Doch Mitstreiter bei seiner Imitation des Cercle Proudhon, bei seiner Suche nach einer Versöhnung von Nation und Klasse, bei seiner Entdeckung der „Nation als revolutionärer Störfaktor“ gibt es inzwischen mehr als genug.

Vielleicht liest Jürgen Elsässer ja auf seiner Suche nach dem „revolutionären Störfaktor“ auch den jüngsten Aufsatz von Henning Eichberg. „Die Kritik des Kapitalismus vom Kopf auf die Füße stellen“ heißt er.24 Dann wird er überrascht sein. Eichberg hat seine Ideologie weiterentwickelt, bezieht sich nunmehr auf die französischen Anti-Utilitaristen und die deutschen Wertkritiker bei seiner Kritik des Kapitalismus. Und kommt zu ebenfalls neuen Einsichten: „Der Mythos vom Produzieren hatte nicht nur eine ‚aufbauende’ Kraft, er zielte auch auf Abwertung, in der Konsequenz sogar auf Vernichtung. Das traf keineswegs nur oder primär Adlige, Makler, Wucherer, Großgrundbesitzer und andere machtvolle ‚Ausbeuter’. es traf in besonderem Maße gesellschaftliche Minderheiten und Fremde. Erst unter der Vorgabe des Produktivitätsmythos war es möglich, vom ‚parasitischen’ Juden, vom ‚unproduktiven’ Zigeuner und vom ‚faulen Wilden’ zu sprechen.“25 Mit der Entdeckung der Nation als Schutzmacht der Klasse, an die sich Elsässer gerade macht, hat dies herzlich wenig zu tun. Wer ist da rechts, wer ist da
links?

Kerstin Köditz/Volkmar Wölk

  • 1. Zu Eichbergs Biografie siehe Frank Teichmann, Henning Eichberg – nationalrevolutionäre Perspektiven in der Sportwissenschaft; Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang, 1991, S.16 – 41 sowie kursorisch Clemens Heni, Salonfähigkeit der Neuen Rechten. „Nationale Identität“, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel; Marburg: Tectum, 2007
  • 2. Henning Eichberg, Nationalrevolutionäre Strömungen im modernen Europa, in: „Burschenschaftliche Blätter“, Oktober/November 1974, S.172
  • 3. ebd.
  • 4. ebd.
  • 5. zur frühen nationalrevolutionären Phase der extremen Rechten in der Bundesrepublik vgl. den Beitrag von Klaus Schönekäs in: Franz Greß/Hans-Gerd Jaschke/Klaus Schönekäs, Neue Rechte und Rechtsextremismus in Europa. Bundesrepublik – Frankreich – Großbritannien, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1990, S.218 - 347
  • 6. Junges Forum 2/70, siehe dazu Clemens Heni, aao., S.135 - 150
  • 7. Henning Eichberg, Nation Europa – Europa der Völker. Eine Kritik und Alternative zum bürgerlichen Europakonzept, in: „Burschenschaftliche Blätter“ Januar/Februar 1974, S.6; erweiterte Fassung eines Vortrages vor der Europatagung 74 der Deutschen Burschenschaft am 4.5.1974 in Nürnberg
  • 8. ebd.
  • 9. ebd.
  • 10. ebd.
  • 11. zur Vor- und Frühgeschichte dieser Strömung der extremen Rechten, die keineswegs – wie oft behauptet – eine Antwort auf die französische 68er-Revolte war, vgl. v.a. Anne-Marie Duranton-Crabol, Visages de la Nouvelle Droite. Le G.R.E.C.E. et son histoire; Paris 1988, S.29 - 56
  • 12. siehe Andrea Ludwig, Neue oder deutsche Linke? Nation und Nationalismus im Denken von Linken und Grünen; Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995
  • 13. Zeev Sternhell, La droite révolutionnaire 19885 - 1914. Les origines françaises du fascisme; Paris: Fayard, 2000; Zeev Sternhell, Maurice Barrès et le nationalisme français; Paris: Fayard, 2000; Zeev Sternhell, Ni droite ni gauche. L’idéologie fasciste en France; Paris: Fayard, 2000, jeweils in erw. Neuauflagen
  • 14. Zeev Sternhell/Mario Sznajder/Maia Asheri, Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Vor Sorel zu Mussolini; Hamburg: Hamburger Edition, 1999
  • 15. Zeev Sternhell, Faschistische Ideologie; Berlin: Verbrecher Verlag, 2002
  • 16. zit. n. ebd., S.24
  • 17. vgl zu ihm Yves Guchet: Georges Valois; Paris: L’Harmattan, 2001, und als Eloge von der extremen Rechten den Band von Jean-Claude Valla, Georges Valois. De l’anarcho-syndicalisme au fascisme; Paris: Librairie Nationale, 2003. Valla ist langjähriger Funktionär des neurechten GRECE.
  • 18. Cahiers du Cercle Proudhon. Préface d’Alain de Benoist; Paris: Avatar, 2007
  • 19. aao., S.92
  • 20. vgl. z.B. Adolf Halfeld, Amerika und der Amerikanismus. Kritische Betrachtungen eines Deutschen und Europäers; Jena: Eugen Diederichs, 1927. Der Band wurde in der Weimarer Republik zum Bestseller. In der NS-Zeit legte der Autor mit Propaganda gegen die USA nach.
  • 21. vgl. Volkmar Wölk, Der (S)choc(k) des Monats. Oder: Wie Jürgen Elsässer zur extremen Rechten kam: in: „Der Rechte Rand“ Nr.103, Nov./Dez. 2006, S.14
  • 22. http://www.npd.de/index.php?sek=0&pfad_id=7&cmsint_id=1&detail=772, gesehen am 13.04.07
  • 23. Junge Welt v. 11.04.07, dort auch die folgenden Zitate
  • 24. Volkslust Nr.4, März 2007, S.6 - 25
  • 25. ebd., S.13