G8 Proteste in Heiligendamm – Aktionsfeld für rechte Gruppen?

Interview mit der Antifa Rostock zu Globalisierungskritik von rechts und der aktuellen Situation in Rostock

Wie schätzt ihr die Gefahr einer Mobilisierung gegen den G8 Gipfel durch rechte Gruppen ein?

Unserer Einschätzung nach mobilisieren die Nazis bereits zu verschiedenen Sachen in MV und rund um den G8-Gipfel. So zum Beispiel dazu aufgerufen, sich an den Demonstrationen der Globalisierungsgegner in Rostock zu beteiligen. Gleichzeitig wird bundesweit zur Demonstration nach Schwerin aufgerufen, um dort gegen den Gipfel Flagge zu zeigen. Die NPD wird versuchen, in der Landeshauptstadt politisch zu punkten und das Spektakel um sie herum auszunutzen. Also kann man sagen, dass die Nazis schon voll in ihrer Mobilisierung stecken.

In wie weit bestehen eurer Meinung nach Anknüpfungspunkte zwischen linker und rechter Mobilisierung? Gibt es thematische Überschneidungen und wie sehen diese aus?

Linke und rechte Mobilisierung finden Schnittpunkte, wenn vermeintliche „Kritik“ populistisch und moralisierend vorgetragen wird. Die NPD und andere Nazis können die Parole „Brecht die Macht der Banken und Konzerne“ ebenfalls unterschreiben. Durch die Personalisierung komplexer, kapitalistischer Verhältnisse, kommt auch eine populistische linke Argumentation beim strukturellen Antisemitismus an. Dies hat natürlich Folgen für den Protest in Rostock. So werden weder ein linker „Gipfelstürmer“ noch ein Nationalrevolutionär im Juni ein Problem damit haben, die Scheiben einer Bank oder eines Mc Donalds einzuschlagen, weil sie der festen Überzeugung sind, den Kapitalismus direkt am Wickel zu haben. Problematisch ist kritisch gemeinter sozialer Protest der sich an den Erscheinungsformen der bestehenden Verhältnisse aufhängt und nicht in der Lage ist, deren Wesen zu beschreiben.

In wie weit sind antikapitalistische Positionen von Rechts ernst zu nehmen; geht von ihnen eurer Meinung nach ein großer Reiz aus?

Grundsätzlich sind rechte Positionen – welches Thema auch immer betreffend – ernst zu nehmen. Sehr häufig können Nazis auf bereits vorhandene Ressentiments in der deutschen Bevölkerung zugreifen, da die Logik rechter Erklärungen dem Alltagsverstand vieler Menschen plausibel zu sein scheint. Diesem Denken folgend muss es einen benennbaren Schuldigen geben, der für die Übel, die der Kapitalismus bereitet, verantwortlich ist. Die Konsequenz dieser Kapitalismuskritik wäre das „Verschwinden“ der verantwortlich gemachten Menschen.

Zum Reiz direkter rechter Aktionen möchten wir mal ein Beispiel geben. In Grimmen (Nordvorpommern) gibt es eine Kameradschaft, die regelmässig eine Suppenküche für Arbeitslose anbietet. Das ist ein sehr niedrigschwelliger populistischer Sozialprotest, der Antifaschisten vor ein Dilemma stellt. Kurz gesagt: Wie vermittelt man den Arbeitslosen den antifaschistischen Anspruch, wenn man ihnen die Suppe aus der Hand schlägt? Die regelmässige Suppenküche ist keine Kapitalismuskritik. Dass zeigt aber, dass Nazis in bestimmten Regionen MV‘s sich durchaus erfolgreich mit den sozialen Problemen der Menschen befassen. Auch solche Aktivitäten binden Menschen langfristig an rechte Ideologien, nicht etwa weil die Nazis die bessere Kapitalismuskritik haben, sondern weil sie auf ganz grundlegende Bedürfnisse reagieren.

Ist es notwendig rechtem Antikapitalismus theoretisch entgegenzutreten?

Es ist unserer Meinung nach unerlässlich, rechtem Antikapitalismus theoretisch entgegenzutreten. Dabei geht es nicht pers se darum Ehrentitel für linke Positionen zu vergeben. Wenn linke und rechte Kapitalismusdiagnosen sich als falsch offenbaren und sich nicht dem Kern kapitalistischer Vergesellschaftung zuwenden, ist eine Kritik an der Kritik notwendig. Aufgrund der bereits angesprochenen diffusen Positionen innerhalb der linken Mobilisierung und den Überschneidungen zum rechten Antikapitalismus stehen wir dem bevorstehenden G8 – Spektakel distanziert gegenüber.

Danke für das Interview!