Nationaler Sozialismus

"Antikapitalismus" von völkischen Freaks

Haben die denn nichts anders zu tun, als sich an den Neonazis abzuarbeiten? Steht nicht der für die radikale Linke in Deutschland seit langem bedeutendste Protest ins Haus, die Mobilisierung gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, jenem beschaulichen Kaff in Mecklenburg-Vorpommern, das nur aus Kurort und Luxushotel besteht?

Zweifellos ist für die meisten linken Gruppen derzeit die Mobilisierung gegen den G8 wichtigstes politisches Betätigungsfeld, bietet dieser Event doch die lange ersehnte Möglichkeit, Deutschland mal wieder zum Feld von Auseinandersetzungen um eine Gesellschaftsordnung jenseits von Neoliberalismus oder sozialem Wohlfahrtsstaat werden zu lassen – sprich, die „Systemfrage“ zu stellen. So beteiligen auch wir uns als frisch gebackenes Nachfolgeprojekt von Kritik und Praxis Berlin an dem „Hype“: Im Rahmen des gemeinsam mit den Gruppen redical M aus Göttingen und Autonome Antifa [f] aus Frankfurt gegründeten Bündnis Ums Ganze veröffentlichten wir bereits Ende 2006 einen Aufruf, mit dem wir eine Debatte über die Notwendigkeit, Kapitalismus in seiner „Gesamtheit“ anzugreifen und zu kritisieren, anstoßen und den G8-Protest radikalisieren wollten.1 Diesem „Grundstatement“ folgten bisher die Einbettung der Proteste gegen den Frankfurter Opernball in die Kampagne, Veranstaltungen, eine Broschüre2 sowie eine Demo in Berlin am Vorabend des 1.Mai. Uns ist und war es also durchaus wichtig die Kritik an verkürzten Vorstellungen über Kapitalismus und Systemalternativen an eine eigene politische Praxis zu knüpfen. In diesem Kontext entstand auch die Idee, Theorie und Praxis der „Gegenseite“ (in diesem Fall die Neonazis) zu beobachten und zu analysieren, um ihr adäquat begegnen zu können. Die zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Auseinandersetzungen linker Gruppen mit „Antikapitalismus“3 von Rechts erschienen uns ungenügend. Obwohl die Untersuchung rechtsextremer Wirtschaftskonzepte vor dem Hintergrund antikapitalistischer und neonationalsozialistischer Konzepte kein gänzlich neues Thema ist, bleibt die wissenschaftliche Literatur hierzu überschaubar, wenngleich zu bemerken ist, dass sich in den letzten zwei Jahren einiges bewegt hat.4

Sowohl die Tatsache, dass bei vielen Protesten gegen die Hartz IV-Gesetzgebung (vor allem in ostdeutschen Städten) Neonazis mitmischten bzw. versuchten, die „Montagsdemos“ zu dominieren, als auch der Erfolg der NPD bei der Landtagswahl in Sachsen 2004, bei der die Partei mit ihrer sozialen Wahlkampfrhetorik punkten konnte, führten auch in linken, antifaschistischen Kreisen zu einer neuen Beschäftigung mit „rechtem Antikapitalismus“. Oftmals verblieb die Kritik aber an der Oberfläche, es war von bloßer „Demagogie“ die Rede, die Bedeutung der Neonazis als relevante Kraft in sozialen Protesten wurde als gering eingeschätzt. Mittlerweile ist „Antikapitalismus von Rechts“ zu einer Art „Modethema“ avanciert, kaum ein antifaschistisches Rechercheblatt, das die Thematik noch nicht aufgegriffen hat. Die Diskussion scheint angestoßen und wir hoffen, mit der vorliegenden Broschüre einen Teil dazu beizutragen. Wir haben deshalb verschiedene Personen, die sich seit geraumer Zeit mit dem Thema beschäftigen, gebeten, Beiträge für uns zu verfassen – die Ergebnisse bilden neben einer von uns dargelegten Kritik an bürgerlichen Forschungsansätzen die Grundlage der vorliegenden Broschüre. Den AutorInnen möchten wir an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für ihre Beiträge danken. Dank gebührt übrigens auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die diese Veröffentlichung finanziell ermöglicht hat.

Stefan Trüb, Sozialwissenschaftler aus Göttingen, erläutert unter Einbezug aktueller Kampagnen und Publikationen, welche Vorstellungen von Globalisierung die extreme Rechte hat und kommt zu dem Schluß, dass die NPD von einer Repräsentanzkrise der etablierten Parteien profitieren könne. Seiner Ansicht nach liegt der Erfolg der Partei auch in nachbarschaftlichen Politikkonzepten begründet, bei denen die NPD nicht nur durch das Aufgreifen sozialer Thematiken punktet, sondern diese jeweils vor Ort mit lokalen Bezügen verknüpft und sich so als „Systemalternative“ bzw. Auffangbecken für Ängste und Ressentiments geriere.

Mario Gondek schildert in ihrem Artikel „Die ‚soziale Frage’ als Thema in der neonazistischen Kameradschaftsszene“ die Entwicklungen dieses Spektrums anhand der 2006 von ostdeutschen Neonazis initiierten „Antikapitalismuskampagne“ und der Debatten in einigen neonazistischen Fanzines. Sie untersucht Publikationen der Freien Kameradschaften wie z.B. die Mitteldeutsche Jugendzeitung (MJZ) und den aus Mecklenburg Vorpommern stammenden Fahnenträger sowie die eher an die NPD gebundenen sogenannten Boten. Während die Autoren und Herausgeber der ersteren sich als nationalrevolutionäre Avantgarde mit dem Ziel, innerhalb der Kameradschaftsszene Diskussionen anzustoßen, begreifen würde, seien die Boten mit ihren starken lokalpolitischen Bezügen eher auf die Rekrutierung neuer Wählerschichten ausgerichtet.

Aktuelle und historische Erscheinungsformen des rechten „Antikapitalismus“ vergleicht Joachim Bons in seinem Text „Antikapitalismus von rechts? Das Projekt „Nationaler Sozialismus“ und seine historischen Vorläufer“. Systematisch analysiert er völkische Sozialismuskonzepte von NSDAP und NPD und weist damit auf, dass die Thematik nicht neu ist und zumindest die NPD scheinbar mühelos an die durch die NSDAP kolportierten Vorstellungen anknüpfen kann. Bons  kommt zu dem Schluss, dass die Erfolge der Rechten an die Schwäche der Linken gekoppelt ist und fordert AntifaschistInnen deshalb dazu auf, Kapitalismuskritik und soziale Kämpfe nicht „rechts liegen“ zu lassen.

Verfehlungen linker Gesellschaftskritiker und den möglichen und tatsächlichen Überschneidungen zwischen linkem und rechtem „Antikapitalismus“ widmen sich Kerstin Köditz und Volkmar Wölk in ihrem Aufsatz „Die nationale Frage als revolutionärer Störfaktor. Völkischer Antikapitalismus als Ideologie der Systemopposition von rechts.“ Sie zeigen anhand von Henning Eichberg die bis in die 1960er Jahre zurück reichenden völkischen Sozialismusvorstellungen der neueren extremen Rechten auf und weisen gleichzeitig daraufhin, dass die Linke lange auf die Herrschaftsperide der NSDAP fixiert blieb und damit den „Wesenskern des historischen Faschismus“, der sich in seiner Früh- bzw. Entstehungsphase durchaus national-revolutionär gerierte, ausgeblendet habe. Dabei hätten frühe Querfrontbestrebungen etwa des Cercle Proudhon, in dem sich sowohl rechte als auch linke Antikapitalisten tummelten, „ideologische Vorarbeiten von enormer Bedeutung für die spätere Entstehung und Entwicklung faschistischer Organisationen“ geleistet. Köditz und Wölk sehen in dem heute sowohl in der neonazistischen Rechten als auch Teilen der radikalen Linken virulenten Antiamerikanismus eine Gefahr für die Auflebung von Querfrontbestrebungen, sofern die Linke der Nation keine eindeutige Absage erteile.

Zu guter Letzt haben wir ein von uns mit der Antifa Rostock geführtes Interview abgedruckt, da wir die Hintergrundtexte um die Einschätzung von antifaschistischen Akteuren und ihren konkreten, praktischen Erfahrung im Umgang mit dem Phänomen des völkischen Antikapitalismus ergänzen wollten.

So unterschiedlich die Untersuchungsgegenstände und theoretischen Ansätzen der Autoren unserer Broschüre auch sind, sie alle enthalten wichtige Aspekte und sind sich vor allem in einer Hinsicht einig, die wir als Gruppe teilen: Eine antikapitalistische und antifaschistische Linke muss mit jeglichem Bezug auf Nation und Nationalismus brechen, verkürzten Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus erkennen und darf gleichzeitig Kapitalismuskritik nicht aus den
Augen verlieren.

TOP Berlin, April 2007

  • 1. ...ums Ganze! Smash Capitalism. Fight the G8 Summit, Dezember 2006. http://www.ums-ganze.blogsport.de , www.umsganze.blogsport.de und www.top-berlin.net
  • 2. Ein erster Beitrag von uns zu diesem Thema findet sich in der Broschüre des «Ums-Ganze-Bündnisses».
  • 3. Die Bezeichnung «Antikapitalismus» wird von uns in diesem Kontext in Anführungszeichen gesetzt, da es sich bei der Weltanschauung und Programmatik der Neonazis unser Ansicht nach um keinen eigentlichen Antikapitalismus mit dem Ziel, das grundsätzliche Kapitalverhältnis abzuschaffen, handelt, sondern vielmehr um eine verkürzte und reduzierte Form der Kritik, die nicht die Produktions- und Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus kritisiert und angreift, sondern lediglich einzelne Erscheinungsebenen.
  • 4. Neben Publikationen aus dem linken antifaschistischen Spektrum wie etwa Antifaschistischen Infoblatt (AIB) beschäftigten sich Ralf Ptak und Joachim Bons bereits 1996 mit den neuen Inhalten der Neonazis. 1999 veröffentlichte Jean Cremet mehrere Aufsätze dazu in der Schriftenreihe des Jenaer Forums für Bildung und Wissenschaft. Ptak, Ralf: Wirtschaftspolitik und die extreme Rechte. Betrachtungen zu einer wenig behandelten Frage, in: Mecklenburg, Jens (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus, Berlin 1996, S.901- 922; Ptak, Ralf/Schui, Herbert/Blankenberg, Stephanie/Bachmann, Günther/Kotzur, Dirk: Wollt ihr den totalen Markt? Der Neoliberalismus und die extreme Rechte, München 1997 sowie Cremet, Jean: Die extreme Rechte auf der Suche nach neuen ideologischen Ansätzen. Positionen und Polemik, Jena 1999. Auf neuere Studien wird in dem folgenden Text eingegangen.
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