Im Konkreten versuchen, Gegenmacht aufzubauen

Marlies Sommer über den Einsatz von ... ums Ganze! bei den Blockupy-Protesten.
Interview aus analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis (ak) 583 vom 17. Mai 2013

Interview Martin Beck

Pünktlich zum 1. Mai veröffentlichten die Interventionistische Linke (IL) und … ums Ganze! unter der durchaus doppelsinnigen Überschrift »Interveniert, denn es geht ums Ganze!« acht Argumente für eine radikale Linke bei Blockupy. Erstmals im vergangenen Jahr waren die beiden linksradikalen Zusammenschlüsse bei den Protesten in Frankfurt am Main zusammengerückt. Marlies Sommer von TOP Berlin erklärt im Interview, was da bei … Ums Ganze! vor sich geht und warum sie nach Frankfurt mobilisieren.

… ums Ganze! beteiligt sich in diesem Jahr deutlich stärker an den Blockupy-Aktionstagen als im vergangenen Jahr. Warum?

Marlies Sommer: Blockupy ist dieses Jahr der einzig nennenswerte antikapitalistische Protest in Deutschland: deswegen. Letztes Jahr waren wir mit M31 (am 31. März 2012 in Frankfurt) sehr eingespannt. Damals ging es um einen gemeinsamen linksradikalen Ausdruck in vielen europäischen Ländern, da diese Position so noch nicht auf europäischer Ebene sichtbar war. Dazu haben wir versucht, auch in Deutschland viele Linke und Linksradikale zu versammeln, was nur so mäßig funktioniert hat, auch wenn M31 in Europa als Konzept aufgegangen ist. Als dann zwei Monate später mit Blockupy wieder Proteste aus einem anderen linken Spektrum gegen die Europäische Zentralbank anstanden, war für uns klar, dass wir uns daran beteiligen wollen, um deutlich zu machen, dass M31 und Blockupy nicht gegeneinanderstehen.

Wie kommt es, dass ihr inzwischen Bündnisse mit Linkspartei, Gewerkschaften oder Attac eingeht, die ihr vor Kurzem noch wegen ihrer verkürzten Sichtweisen kritisiert habt?

Das ist so nicht richtig. Schon bei der ersten Krisendemo in Berlin 2009, an der die genannten Gruppen dabei waren, haben wir uns beteiligt. Für uns ist aber mit der Verschärfung der Krise die Teilnahme an solchen Protesten grundsätzlich wichtiger geworden. Wir kritisieren aber weiterhin Verkürzungen aller Art, etwa die Vorstellung vom Kapitalismus als wildes Tier, das man zähmen kann. Wer wie Dietmar Bartsch, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag, meint, mit ein bisschen weniger Finanzsektor werde alles schon wieder gut werden, der verarscht die Leute. Dagegen wenden wir uns. Hinzu kommt, dass es in den letzten Jahren eine diskursive Verschiebung gegeben hat, nicht zuletzt angesichts der Krise. Es wird wieder vom Kapitalismus geredet, und der Tonfall ist schärfer geworden. Früher haben auch Linksradikale aus strategischen Gründen nicht vom Kapitalismus gesprochen, aus Angst, Leute zu verprellen. Diese Strategie haben wir damals nicht geteilt, und die Furcht, das Problem beim Namen zu nennen, hat erfreulicherweise nachgelassen. Das erleichtert die Bündnisarbeit, und wir reden und streiten gern mit allen, die prinzipiell Interesse an der Abschaffung der Gesamtscheiße haben. Aber es stimmt schon, auch unsere Perspektive hat sich verändert. Die Selbststilisierung als Wahrheitsapostel in der Szene geht uns mittlerweile selbst auf die Nerven. Auch deswegen versuchen wir verstärkt, uns in sozialen Bewegungen wie den Flüchtlingsprotesten zu engagieren. Zu tun gibt’s ja genug.

Ihr schreibt: Es braucht »eine radikale Linke, die in soziale Bewegungen interveniert oder selbst welche anzettelt«. Ähnliches konnte man vor zehn Jahren etwa in Flugblättern zum Euromayday lesen und stieß dabei auf harsche Kritik eurerseits. Was hat sich aus eurer Sicht verändert, was heute eine andere Strategie notwendig macht?

Vor zehn Jahren gab es TOP und … ums Ganze! noch gar nicht. Da waren einige von uns noch in der Antifaschistischen Aktion Berlin, bei Junge Linke oder in der Grundschule …

Neben Blockupy arbeitet ihr auch im M31-Bündnis mit. Wie bekommt man den Spagat zwischen dem M31-Bündnis, in dem unter anderem die FAU vertreten ist, und der Linkspartei hin?

Auf den Krisendemos in Berlin liefen beide mit und wir mittendrin. Wir sehen da kein Problem, es sind ja Bündnisse. Wir versuchen uns überall zu beteiligen, wo eine radikale antinationale Perspektive auf den Kapitalismus und seine Krise möglich ist. Bei Umfairteilen zum Beispiel haben wir uns rausgehalten.

Angesichts Eurer Beteiligung an Blockupy fragt sich die Gruppe »the future is unwritten«, die in … ums Ganze! organisiert ist, ob euer Bündnis »begonnen hat, auf Irrwegen zu wandern« und seinen »Anspruch, kategoriale Kapitalismuskritik zu leisten« verlustig geht. Von Skepsis und Ablehnung ist die Rede. Ganz konfliktfrei scheint eure Beteilung nicht zu sein?

Dann wäre es ja auch schrecklich langweilig bei uns. Patti Smith hat immer gesagt: Kritik ist die Liebe unter den Genossinnen.

Was versprecht ihr euch von Blockupy?

Wir hoffen, ein Signal an die Bewegungen in denjenigen Ländern zu senden, in denen das Austeritätsregime von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und der Europäischen Kommission besonders verheerend herrscht, um zu zeigen, dass dies auch hier nicht unwidersprochen bleibt. M31 und Blockupy haben 2012 auf je eigene Art solche Signale gesetzt. Wir hoffen, dass Blockupy dies mit einer Beteiligung anderer gesellschaftlicher Akteure in anderer Form erreicht, sodass wir gemeinsam mit Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa 2014 die Eröffnung der EZB blockieren können. Zudem wollen wir in der Krise die Akteure der Krise benennen, zu denen etwa die EZB als vermeintlich neutraler Geldverwalter zählt. Das machen wir, um die Krise in ihrer politischen Dimension begreifbar zu machen. Dazu gehört auch zu sagen, was »Politik« im Kapitalismus in erster Linie ist, nämlich der chaotische Versuch, unter Handlungsdruck eine permanent eskalierende Ökonomie zu organisieren. Diese Einsicht ist kein Aufruf zu elitärem Salon-Kommunismus, der alles weiß, aber nichts verändert. Allerdings haben wir es mit Freifahrtscheinen für bewegungslinke Äktschn auch nicht so. Aufrufe wie »Finanzmetropole Frankfurt blockieren« auf aktuellen Plakaten halten wir für falsch. Die ohnmächtige Erfahrung antikapitalistischer Kritik muss man schon aushalten: »Having been fucked is no reason for being fucked up«, wie Max Horkheimer immer gesagt hat. Letztlich geht es um die bewusste Bearbeitung eines Widerspruchs: Die sozialen Verhältnisse auf allen Ebenen angreifen, obwohl die abstrakte Natur des Kapitals nicht angreifbar ist. Der Kapitalismus ist eben ein gesamtgesellschaftlicher Reproduktionszusammenhang, dem man sich nicht leicht entziehen kann. Umso wichtiger ist es, im Konkreten zu versuchen, Gegenmacht aufzubauen. Symbolische Aktionen wie in Frankfurt sind ein notwendiges – wenn auch begrenztes – Mittel, die konkreten Kämpfe zu verbreitern und antikapitalistisch zuzuspitzen. Gerade deshalb finden wir die unterschiedlichen Aufrufe zum Care-Block oder zu Blockupy-Deportation-Airport so wichtig.

Was plant ihr konkret in Frankfurt?

Wie letztes Jahr werden wir die Infrastruktur mitgestalten, vor allem wollen wir zusammen mit der IL dazu beitragen, dass auf der Demonstration eine radikale Absage an die bestehenden Verhältnisse deutlich wird, dass sehr wohl etwas anderes vorstellbar ist als das kapitalistische Rattenrennen – ob mit oder ohne Besteuerung der Finanzmärkte, ob mit oder ohne Linkspartei. Zugleich werden wir auf den Rassismus hinweisen, der in der Krise in ganz Europa neuen Aufschwung erlebt, nicht zuletzt in Deutschland, und der mit der neuen sozialen Härte und dem deutschen Sozialchauvinismus aufs Beste zusammengeht. Deswegen werden wir am 31. Mai den Frankfurter Flughafen mit Aktionen im Rahmen von »Blockupy Deportation Airport« heimsuchen. Deswegen sagen wir: Kommt nach Frankfurt, kommt nach vorne!