»Wir sind nicht die Bewegung«

Ein Gespräch mit drei AktivistInnen über Chancen und Gefahren ihrer Organisierungsvorhaben
Interview mit IL, uG! und NaO im Neuen Deutschland

Die Auflösung ihrer einzelnen Mitgliedsgruppen in eine gemeinsame Organisation debattiert aktuell die Interventionistische Linke. Antinationale Antifagruppen organisieren sich seit sechs Jahren im umsGanze!-Bündnis. Gruppen aus dem NaO-Prozess veröffentlichten kürzlich ein Manifest ihrer »Neuen antikapitalistischen Organisation«. Offensichtlich sieht die radikale Linke gerade eine Notwendigkeit, sich verbindlich zu organisieren. Niels Seibert lud deshalb drei AktivistInnen dieser Gruppen zu einem Gespräch ein.

Drei Aktivisten, drei Strömungen: Das umsGanze!-Bündnis (uG!) wurde 2006 gegründet, um linksradikale Politik überregional zu organisieren, handlungs- und bündnisfähig zu machen. Es versteht sich als kommunistisches Bündnis, arbeitet in den Bereichen Kapitalismuskritik, Antirassismus und internationale Vernetzung und war an Blockupy 2012 und 2013 beteiligt. Der freiberuflich prekäre Ted Grün [Pfff...], 41, ist Aktivist der Gruppe »Theorie Organisation Praxis« (TOP B3rlin) und des »...umsGanze!«-Bündnisses. Die Interventionistische Linke (iL) gibt es seit 1999 [Korrektur: 2005]. Ausgangspunkt war der Aufbruch gegen den globalisierten Kapitalismus und das gemeinsame Bedürfnis, in reale politische und soziale Auseinandersetzungen einzugreifen. Der G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm wurde ihr erstes praktisches Experimentierfeld, es folgten Dresden Nazifrei, Castor Schottern und Blockupy. Die Juristin Mia Hesse, 28, ist in der Berliner Ortsgruppe von »Avanti« und der »Interventionistischen Linken« aktiv. Die Neue antikapitalistische Organisation (NaO) befindet sich seit 2010 in einem Diskussionsprozess. Die Mitglieder sind in der internationalen Solidaritätsarbeit, der Stadtpolitik und im gewerkschaftlich-betrieblichen Bereich engagiert. Für 15. Februar ist in Berlin die Gründung der ersten NaO-Ortsgruppe geplant. Der Versicherungsmakler Michael Prütz, 61, engagiert sich in der »Sozialistischen Initiative Berlin« (SIB) und im »NaO-Prozess«.

nd: Warum drängt es euch gerade jetzt, euch zu organisieren?

Hesse: Wir organisieren uns nicht erst seit heute. Avanti gründete sich Ende der 80er Jahre und seitdem ist Organisierung eine unserer Grundkonstanten. Entsprechend lange gibt es verschiedene Versuche, unsere ursprünglich norddeutsche Organisierung auszuweiten. Seit einigen Jahren sind wir in der IL vernetzt und erhoffen uns, dass daraus eine neue verbindliche Organisierung entsteht. Es gibt bis heute gute Gründe, über linksradikale Organisierung nachzudenken, allein wenn man sich die Weltsituation betrachtet: Überall Aufstände, gleichzeitig diese relative Ruhe in der Bundesrepublik. Die Krisenpolitik, die von hier ausgeht, zeigt, dass es etwas zu tun gäbe, aber auch wie schwach die Linke in Deutschland dasteht.

Grün: Bei uns ist das ähnlich. Die Gruppe TOP und ihre Vorgänger »Kritik und Praxis« und »Antifaschistische Aktion Berlin« waren immer in einem Organisierungsprozess begriffen. Solche Prozesse durchlaufen bestimmte Phasen und haben Brüche. Sie entstehen meist weder aus dem Nichts, noch aus einem Moment der Stärke heraus, sondern dann, wenn eine Phase des Aufbruchs oder eine Bewegung an einen kritischen Punkt gerät. 1968 war das so. Da gab es einen Aufbruch und anschließend, Ende der 60er, Anfang der 70er, kam die Organisierungsfrage auf, woraus dann die K-Gruppen entstanden sind. Ende der 70er waren die K-Gruppen in der Krise: Dann sind die Autonomen entstanden. Als ich Ende der 80er angefangen habe, mich politisch zu engagieren, waren die Autonomen in die Krise geraten, und daraus sind die ersten bundesweiten Organsierungsversuche Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) und das Bundesweite Antifatreffen (BAT) entstanden. Und so eine ähnliche Situation hat es dann Ende der 90er wieder gegeben, als nach dem EU- und G7/8-Gipfel in Köln der IL-Prozess entstanden ist und kurz danach der Ums-Ganze-Kram.

Prütz: Ich bin seit 1968 in Berlin politisch aktiv, und ich nehme die Situation der radikalen Linken als so schlecht wie noch nie wahr, weil sie völlig randständig ist. Um diese gesellschaftliche Randständigkeit zu überwinden, ist eine breitere Organisierung notwendig, damit wir überhaupt die Möglichkeit haben, über eine selbstreferenzielle Szene hinauszukommen. Anders gesagt: Individuen und kleine Gruppen sind nicht in der Lage, die gesamte Komplexität der Realität wahrzunehmen.

Grün: Aber es war doch schon schlimmer als heute! In der Phase nach den G8-Protesten in Genua 2001, als die Globalisierungsbewegung nach 9/11 von einem Tag auf den anderen verschwand, gab es eine totale Durststrecke. Heute dagegen gibt es eine relativ gut funktionierende Vernetzung, sowohl innerhalb der BRD als auch in anderen europäischen Ländern sowie über Ländergrenzen hinweg. Außerdem arbeiten die Gruppen, besonders die, die bereits vernetzt sind, relativ harmonisch zusammen – das ist innerhalb der radikalen Linken ja nicht selbstverständlich. Und schließlich gibt es seit der Finanzkrise und den Aufständen im arabischen Raum, in der Türkei und in Brasilien wieder ein Bedürfnis nach radikaler Gesellschaftskritik.

Prütz: Na gut, die Kooperationsbereitschaft zwischen den verschiedenen Strömungen der radikalen Linken ist gewachsen, aber das Klassenbewusstsein in Deutschland ist auf einem historisch niedrigen Stand.

Michael Prütz hat angedeutet, dass eine Organisation die Linke aus ihrer Schwäche katapultieren könne. Ist das der wichtigste Mehrwert einer Organisierung?

Hesse: Wir sind zwar auch überzeugt, dass man an Relevanz gewinnen muss, aber die Vorstellung, möglichst viele sollen sich in einer maximal schlagkräftigen Organisation zusammenschließen, gibt es bei uns nicht. Wir haben die Idee, eine bestimmte Strömung zu organisieren, die dann auch im Zusammenwirken mit anderen linken Strömungen und Akteuren eine gesellschaftliche Relevanz erreichen kann, die bisher immer nur an einzelnen Punkten kurz aufploppt.
Für Organisierung spricht auch die positive Wirkung nach innen: Erst wenn man verbindliche Strukturen und ein bestimmtes Niveau an demokratischer Verfasstheit erreicht hat, kann es gelingen, informelle Hierarchien abzubauen, um Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass möglichst viele Leute daran teilhaben. Gleichzeitig ermöglichen wir so auch eine sinnvolle Arbeitsteilung: Nicht alle müssen alles machen oder über alles entscheiden, sondern man begegnet sich mit Vertrauensvorschüssen. Eine solche Organisation ist dann mehr als die Summe ihrer Teile.

Grün: Der Mehrwert liegt für mich auf der Hand: Wenn man politisch etwas erreichen oder öffentlich wirksam sein will, kommt man um eine Form von Organisierung nicht herum. Wer noch in offenen Plenumssituationen gearbeitet hat, für den gibt es nichts Angenehmeres als kontinuierlich arbeitende, eingespielte Gruppen, die mit anderen vertrauensvoll zusammenarbeiten und dadurch Teil, wenn schon nicht einer Bewegung, dann doch einer Entwicklung sind. Außerdem ist die große historische Erfahrung, dass spontane Aufstände ebenso spontan wieder verschwinden oder der Repression schutzlos gegenüberstehen, wenn man sich nicht besser organisiert. Gleichzeitig braucht es aber auch einen Bewegungscharakter, der eine Gegenmacht, eine Gegenöffentlichkeit oder auch Freiräume schaffen kann.

Wo liegen die Unterschiede in euren Vorhaben?

Grün: Was IL und UG von NaO unterscheidet, ist der Ausgangspunkt ihrer jeweiligen Organisierung. Unsere entstand ebenso wie die IL aus einer Abgrenzung von klassischen parteiförmigen Strukturen, aber auch von Problemen einer eher subkulturellen Orientierung, die man aus den 80ern und den autonomen Gruppen kennt, in der es eine riesige Fluktuation, Unverbindlichkeit, fehlende Kontinuität und Isolation gab. Wir kämpfen darum, wie man zwischen diesen beiden Polen am elegantesten und geschmeidigsten agieren kann.

Prütz: Ich verstehe die Differenz nicht. Keiner will parteiförmige Strukturen wie die K-Gruppen der 70er Jahre. Auch wir wollen eine plurale Organisation, in der eine gewisse Verbindlichkeit herrscht, die aber auch ein politisches Grundverständnis hat von dem, was man will und wohin man will. Deswegen haben wir unser Manifest geschrieben. Darin beziehen wir uns ganz traditionell auf die Lohnabhängigen als Klasse.
Es wird von vielen Linken immer so getan, als ob die ganze gesellschaftliche Wirklichkeit in Deutschland aus prekären Hartz-IV-Empfängern bestehe. Das ist ein fundamentaler Irrtum. In Deutschland gibt es 24 Millionen Lohnabhängige im normalen Arbeitsverhältnis, die über 1500 Euro netto verdienen. Wo sind denn die politischen Angebote für diese Leute? Die gibt es nicht.

Hesse: Tatsächlich ist es ein Problem, dass die außerparlamentarische Linke oft für Menschen nicht ansprechbar ist, die die Schule oder Uni verlassen haben oder nicht einer subkulturellen Szene angebunden sind. Aber ist es unser Ziel und ist es überhaupt realistisch, diesen Menschen in unseren Strukturen einen organisatorischen Rahmen zu geben?
Unser Fokus liegt jedenfalls nicht darauf, eine Massenorganisation ins Leben zu rufen, die dies anstrebt, oder eine Avantgarde, die voranschreitet. Stattdessen arbeiten wir gemeinsam mit anderen daran, Strukturen, Bündnisse oder Basisinitiativen zu schaffen, in die sich Menschen einbringen können. Wir verstehen uns als ein Teil der Bewegung, aber wir sind nicht die Bewegung.

Grün: Das Klassenbewusstsein in Deutschland, die Zahl der Lohnabhängigen und der Prekären sind auch für uns nicht Ausgangspunkt unseres Organisierungsprozesses oder unserer Theoriearbeit. Solche persönliche Betroffenheiten und Interessen enden regelmäßig in nationalen Standortlogiken statt in emanzipatorischen Ideen und wären daher eher zu überwinden. Wir überlegen, was wir selbst relevant und wichtig finden, und versuchen, andere davon zu überzeugen, Angebote zu schaffen und Mitstreiter zu gewinnen.

Prütz: Das ist ein Unterschied zu uns. Aber uns ist klar, dass der Einfluss, den radikale oder revolutionäre Linke haben, marginal ist. Es gibt keine Möglichkeit, heute eine Massenpartei aufzubauen. Über so etwas lachen, im Moment jedenfalls, die Hühner. Aber wir können heute Vorarbeiten für eine spätere Massenorganisation leisten. Entscheidend ist heute die Interventionsfähigkeit.

Hesse: Ein kleiner, aber relevanter Unterschied zur NaO ist, dass es für die NaO langfristig eine Option ist, sich am parlamentarischen System zu beteiligen. Ihr wollt sozusagen der Linkspartei Konkurrenz machen. Wir dagegen finden es gut, dass es eine parlamentarische Linke gibt. Aber es braucht daneben dringend eine außerparlamentarische radikale Linke, die sich notwendig von ihr unterscheidet und deswegen auch nicht in Konkurrenz zu ihr steht.

Prütz: Das ist in der Tat eine Differenz. Ich persönlich empfinde die Linkspartei – ich war zwölf Jahre Mitglied – als einen großen Fortschritt in Deutschland. Aber sie ist eine Partei für Kapitalismus-Verbesserer und keine Alternative für Leute, die mehr wollen. Die Linkspartei orientiert sich aus meiner Sicht auf ein wie auch immer geartetes Mitte-Links-Bündnis. Gregor Gysis Positionen zu Europa sind abenteuerlich. Die EU ist in ihrer gesamten Verfasstheit ein imperialistisches Konstrukt und gehört aufgelöst.
Von daher sehen wir uns in Konkurrenz, oder drücken wir es etwas vorsichtiger aus: im Wettbewerb zur Linkspartei. Ich bitte aber, nicht falsch verstanden zu werden: Es kann eine Situation entstehen, die im Moment überhaupt nicht absehbar ist, in der es vielleicht notwendig ist, zu Wahlen anzutreten. Ich will das nicht für die nächsten 100 Jahre ausschließen, aber für die nächsten zehn bestimmt.

Grün: Ich finde die Orientierung grundsätzlich nicht falsch, aber ich glaube, dass sie immer dieselben Zwänge mit sich bringt. Das war bei den Grünen so, das hat man gesehen in Italien, bei den Disobbedienti und bei den »Tute Bianche«, das sieht man jetzt bei der Gezi-Park-Partei: Sobald die Orientierung auf Wahlen anfängt, sind die nächsten Schritte so folgerichtig wie verhängnisvoll. Erst sagt man: Wenn man sich schon organisiert, warum die Möglichkeit der Wahl ausschließen. Dann sagt man: zunächst auf kommunaler Ebene, um die Bewegung zu unterstützen. Dann heißt es: Wenn wir uns schon kommunal und regional zur Wahl stellen, warum dann nicht auch überregional. Dann sagt man: Okay, aber nur in der Opposition und möglichst fundamental. Und dann tauchen die Ersten auf, die sagen, das ergibt keinen Sinn: Wenn wir Menschen unterstützen und bestimmte Ziele erreichen wollen, dann müssen wir auch Regierungsverantwortung übernehmen. Dann: Aber nur mit entsprechenden Konstellationen und mit den Sozialdemokraten zusammen. Und sobald man dann einmal in der Regierung war, sagen die Ersten: Wir können niemanden ausschließen. Am Ende landet man da, wo die Grünen in Hessen jetzt sind. Das hat mit bestimmten politischen Zwängen und Orientierungen zu tun. Und deshalb wollen wir von vornherein erst gar nicht mit diesen ganzen Wahl- und Repräsentationsformen anfangen.

Was bedeutet eine bundesweite Organisierung für die Praxis der lokalen Gruppen?

Hesse: Auch für die lokale Arbeit kann eine verbindliche und handlungsfähige Struktur hilfreich sein: Es ist leichter, konkrete Kämpfe zu unterstützen, Erfahrungen weiterzugeben und die Teilbereichslogik zu überwinden, also Verbindungen zu anderen Kämpfen herzustellen. Aber es reicht nicht, wenn sich lokale Gruppen zusammensetzen und ein Papier schreiben. In der IL arbeiten wir seit über zehn Jahren bundesweit als Netzwerk zusammen. In diesem langen Zeitraum hat sich eine gewisse gemeinsame Arbeitsweise, auch im Wissen um die Differenzen, entwickelt. Jetzt gehen wir einen nächsten Schritt in Richtung Organisierung. Und das ist natürlich viel mehr als nur die Summe unserer lokalen Tätigkeiten – es ist auch die langjährige gemeinsame politische Praxis. Dadurch, also vor allem durch die großen bundesweiten Kampagnen Block G8, Dresden Nazifrei, Castor Schottern und Blockupy, wurden wir öffentlich sichtbar und breit wahrgenommen. Aber nebenher lief immer unsere lokale Arbeit. Und entsprechende öffentliche Strukturen braucht es auch vor Ort, wenn wir bundesweit ansprechbar sein wollen.

Grün: Das stimmt. Eine Organisierung funktioniert nicht, indem man ein Manifest schreibt und sagt, wie marginal die Linke ist. Organisierungsversuche sind dann erfolgreich, wenn sie über eine konkrete, kontinuierliche Praxis verfügen. Der Ansatz, den auch die AA/BO und das BAT damals verfolgt haben, über konkrete Erfahrungen und existierende Kämpfe einen organischen Wachstumsprozess von unten zu initiieren, ist eher erfolgreich. Und diese Prozesse finden statt: Zwischen IL und UG ist es so zu einer koordinierten Zusammenarbeit gekommen. Ähnliches gibt es auch in anderen Ländern Europas. Zudem sind transnationale Organisierungen heute dank der modernen Kooperationsmöglichkeiten – vom Internet bis zu Billigflügen – viel leichter möglich.

Prütz: Für uns muss ein Organisationsprozess auch mit einer gemeinsamen inhaltlichen Grundlage kombiniert sein. Die Leute müssen wissen, warum sie sich organisieren sollen. Deswegen haben wir uns nicht in die IL eingebracht. Teile der IL, zum Beispiel eine Gruppe wie FelS, sind uns in ihrer inhaltlichen Ausrichtung, in ihrer Phraseologie zu beliebig. Das ist mir nicht klar genug abgegrenzt von dem, was die Linkspartei so von sich gibt.

Grün: Das ist ja auch unsere Kritik...

Prütz: Ach, das ist schön.

Grün: Das Bedürfnis nach einer inhaltlichen Verbindlichkeit teile ich, obwohl wir auch nicht genau wissen, wie man das Problem lösen könnte. Jedenfalls kann eine bloße Vernetzung auf kleinstem gemeinsamen Nenner zwar sehr mobilisierungsfähig sein, ist aber andererseits auch zerfahren und beliebig. Die Differenz zwischen inhaltlich verbindlicherer Organisierung vs. loser Vernetzung aller Interessierten gab es ja bereits zwischen AA/BO und BAT. Wir brauchen jedenfalls inhaltliche Grundlagen, die sich die organisierten Gruppen erarbeiten müssen, einerseits kurzfristig für eine bestimmte Aktion und andererseits langfristig innerhalb ihres Organisierungsprozesses. Bei »M31«, als wir 2012 zu einer europaweiten Aktion Gruppen zusammengebracht haben, die eine ähnliche Praxis und eine inhaltliche Vorstellung haben, hatten wir uns zum Beispiel mit den Beteiligten auf Common Goals geeinigt, also bestimmte gemeinsame Ziele, wie zum Beispiel eine antinationale Ausrichtung. Ich glaube nicht, dass man diese Fragen mit einer seitenlangen Programmatik oder einem Manifest, das alle unterschreiben müssen, beantworten kann. Die Versuchung, im Rahmen von Theoriearbeit eine Art inhaltliche Grundlage zu formulieren, gab es in der AA/BO und gibt es in Form von Kongressen, Veranstaltungen und Veröffentlichungen auch bei uns. Solche Theoriearbeit ist notwendig, aber ich glaube, man muss sich von der Idee verabschieden, dass man auf diesem Weg ein gemeinsames verbindliches Programm erstellen oder gar zu einem Abschluss bringen kann.

Hesse: Das ist auch in der IL eine Kontroverse. Avanti hat mit seinem Grundsatzpapier eine Art Programm. Das hat bei uns einen relativ hohen Stellenwert. Trotzdem würde niemand sagen, dass alles, was darin steht, wahr und umfassend oder gut formuliert ist. Aber es gibt den Konsens, dass man sich über gewisse Dinge einig werden muss. Es gibt aber auch andere Gruppen in der IL, die kein solches Grundsatzpapier haben und bisher nicht für erforderlich hielten.
In der IL diskutieren wir auch gerade programmatische Fragen. Jede IL-Gruppe hat ihre eigenen Erfahrungen und sich daraus Inhalte und Praxen erarbeitet. Deshalb wissen wir, dass wir alle in einer IL auch etwas zu verlieren haben. Das nehmen wir in Kauf, weil wir aus unserer bisherigen gemeinsamen Geschichte wissen, dass wir zusammen einiges auf die Reihe kriegen können. Vielleicht legen wir deshalb auch nicht wie andere so viel Wert darauf, dass in Bündnisaufrufen das »Richtige« steht oder wortwörtlich genau das, was man selbst schreiben würde. Ich glaube, es gibt bei uns manchmal sogar ein bisschen zu viel Gleichmut. Aber tendenziell würden wir immer sagen, es kommt nicht darauf an, dass es die richtige Forderung oder richtige Parole ist, sondern es kommt auf die Spielräume an, die in politischer Aktion entstehen.

Grün: Mein Vorwurf ist gar nicht, dass es keine inhaltliche Grundlage gibt, sondern dass sie bei dieser Form der Organisierung notwendigerweise beliebig ausfallen muss. In einem Programm kann gar nichts anderes stehen als relativ allgemeine Sachen. Es kommt eher darauf an, ein Problembewusstsein dafür zu haben, dass der Vorteil von Organisierung – große Koalitionen zu ermöglichen – andererseits den Nachteil einer gewissen inhaltlichen Beliebigkeit mit sich bringt. Wir sind da auch nicht schlauer, aber wir sind ein Bündnis von Gruppen, die über ihre Praxis inhaltliche Gemeinsamkeiten erarbeiten und dadurch nach außen erkennbar sind. Wir sind aufgrund dieser Praxis und Theoriearbeit weniger darauf angewiesen, das aufzuschreiben.

Organisation heißt auch Aufbau eines bürokratischen Apparates, der viele Kapazitäten schluckt. Wo liegen für euch die Gefahren von Organisierung?

Grün: Das Problem von Organisationen war ja nicht, dass sie arbeitsunfähig wurden. Die Gefahr lag im Erfolg. Das große abschreckende Beispiel ist die Kommunistische Partei, die sich als Konsequenz aus der Niederschlagung der Pariser Kommune verbindlich und diszipliniert organisieren und den Staat zu dessen Abschaffung erst einmal übernehmen wollte. Die radikale Linke hat darauf wiederum mit der Selbstkritik reagiert, keinen Staat mehr machen zu wollen und auch der Nation grundsätzlich zu misstrauen.
Das Dilemma ist, dass die Stärken und Vorteile der Organisierung gleichzeitig auch ihr Gegenteil sind. Um effektiver zu arbeiten, regelt man Verbindlichkeiten, organisiert eine Arbeitsteilung, schafft Strukturen und Funktionen. Das ist zugleich der Nachteil, weil man dann vor lauter Rumorganisiererei und Postenhuberei nicht mehr zum Kämpfen kommt und auch noch aufbaut, was man doch überwinden will. Dieselbe Gleichzeitigkeit gilt für die Organisation, die ein Schutz vor Repressionen bieten soll, aber die Repression erst schafft: Wenn Organisierungsversuche erfolgreich sind, dann fängt der Repressionsapparat erst richtig an, sich für einen zu interessieren.

Prütz: Die aktive Mitgliedschaft ist eine gewisse Garantie gegen Verbürokratisierung. Und diese Aktivität muss man einfordern. Das unterscheidet uns zum Beispiel von der Linkspartei, deren Mitglieder höchstens alle vier Wochen zu einer Versammlung gehen.
In Spanien, 1936, hatte der Gewerkschaftsdachverband CNT bei anderthalb Millionen Mitgliedern einen einzigen bezahlten Funktionär. Die Leute haben selbst gehandelt. Das ist die Grundvoraussetzung für jede politische Organisation.

Hesse: Dem stimme ich zu. Außerdem birgt Organisierung die Gefahr, dass Menschen schnell übergangen oder vereinnahmt werden. An der Frage, ob dies passiert, macht sich fest, ob die Organisierung tatsächlich etwas taugt oder ob sie letztlich nur versucht, überall ihren Stempel aufzudrücken.

Als wir eure Gruppen zu diesem Gespräch eingeladen haben, hatten wir darum gebeten, sofern möglich, keinen Mann zu schicken. Jetzt sitzen, wie erwartet, mehrheitlich Männer hier. Ist Organisierung Männersache?

Prütz: Bei uns ist es erbärmlich, was die Repräsentanz von Frauen betrifft. Wir haben zwar eine Reihe von Genossinnen, aber die Gruppe, in der ich bin, ist im Großen und Ganzen eine Alte-Herren-Runde. Wir versuchen alles, das zu ändern, aber es ist nicht so ganz einfach. Bei uns gab es lange Diskussion über die Genderfrage und die Trans*-Frage. Aber auch das führt ja nicht automatisch dazu, dass sich Frauen organisieren.

Grün: Was den Proporz betrifft, ist es bei uns wie hier im Raum: ungefähr ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer. Aber es gibt, wie bei euch, ein Problembewusstsein, dass sich das ändern muss. Unabhängig von dem bloßen Proporz sehen wir die Notwendigkeit, die – heute heißt es – Genderfrage, früher war es klassische feministische Politik, zum selbstverständlichen Bestandteil von Theorie und Praxis zu machen. Und dabei sind wir mit allen möglichen Experimenten beschäftigt: Wie gendern wir Texte? Wie gehen wir mit Rednerlisten um? Verhängen wir einen Aufnahmenstopp für Männer, wenn wir sehen, dass die Gruppe eine reine Herrenrunde ist? Wie schaffen wir die Möglichkeit, dass sich Frauen bei bundesweiten Treffen eigenständig organisieren, aber nicht so, dass dann auf der anderen Seite wieder ein reiner Männerhaufen sitzt oder Frauen doppelt belastet werden? Was machen wir, wenn beispielsweise für Interviews explizit Frauen angefragt werden, die Frauen aber »nein« sagen, weil sie nicht immer überall hingehen können und wollen, nur damit der Proporz stimmt.

Prütz: Ich finde, es ist auch ein Problem unserer eigenen Strukturen. Nehmen wir die alleinstehende Krankenschwester mit zwei Kindern. Politische Treffen, die um 20 Uhr anfangen und um 24 Uhr enden, kann sich keine berufstätige Frau und Mutter leisten. Man muss sich auch in seinen eigenen Strukturen verändern und ermöglichen, dass Leute daran teilnehmen können, die noch andere Verpflichtungen haben und deren Leben auch noch aus was anderem als Politik besteht.

Hesse: Bei Avanti ist das Verhältnis Männer-Frauen tendenziell 60:40. Wir in Berlin haben zum Beispiel im Moment eine Art Aufnahmestopp: Wir nehmen neue Leute nur im Wechsel auf, also nicht zwei Männer hintereinander. Das Männer-Frauen-Ding ist aber nur das eine. Dazu kommt zum Beispiel die Frage, wie man Trans*-Personen miteinbezieht. Dabei muss man bestimmte Instrumente, die vergangene feministische Debatten hervorgebracht haben, auch wieder auf den Prüfstand stellen. Gleichzeitig stehen wir diesen Problemen oft ohne Lösungsidee gegenüber.
Die Frage der zeitlichen Kapazitäten spielt zwar gesellschaftlich eine wichtige Rolle, aber wenn man ehrlich ist, ist die Uhrzeit der Treffen nicht der Hauptgrund, warum zu uns keine Leute mit proletarischer Biografie kommen. Ich glaube eher, dass bestimmte Politikformen, die auch in linksradikalen Strukturen herrschen, patriarchal durchsetzt sind – ohne dass Leute das so wollen. Ich glaube, auch hier sind organisatorische Strukturen eine Voraussetzung, um diese Probleme angehen zu können.

Grün: Die Uhrzeit und Länge der Treffen löst den ganzen Gendertrouble überhaupt nicht. Die Geschlechterfrage ist untrennbar verbunden mit Familie, mit Kinderkriegen oder der Karriere. Ich glaube, die Lösung, was die Geschlechterfrage und auch die der Migranten oder Trans*-Leute angeht, ist, dass man nicht in eine Repräsentations- und Identitätslogik verfallen darf, sondern sich um die Verhältnisse kümmern muss, die diese Differenzen überhaupt erst hervorbringen.