TOP zur Kulturnation

Vortrag gehalten auf der Veranstaltung “Unerträglich - Podiumsdiskussion gegen 60 Jahre BRD” mit Thomas Ebermann, Nadja Rakowitz und TOP B3rlin

Intro: Freiheit - Sozialstaat - Kultur

sind die zentralen Ideologien, in denen sich die Zustimmung zu Deutschland vollzieht. Freiheit, Sozialstaat und Kultur machen am 60. Geburtstag der BRD deren nationale Identität aus: Die Deutschen haben eine ‚Begabung zur Freiheit’, der Sozialstaat bietet sich als Ordnungsmodell im Weltmaßstab an und ohne Kultur gibt es jenseits des kalten Tauschs nichts Gemeinsames.

Und in der Tat: Allein die Freiheit konnte vor 60 Jahren den neuen deutschen Staat legitimieren. Die Geschichte war erloschen, es bedurfte einer unbelasteten Quelle der Legitimation. Ludwig Erhard rechtfertigte im Jahr 1948 in einem einzigen Satz die künftige BRD: „Nur ein Staat, der zugleich die Freiheit und Verantwortlichkeit der Bürger begründet, kann berechtigterweise im Namen des Volkes sprechen.“ Der NS-Staat mordete demnach nicht repräsentativ. Zugleich sagte Erhard aber damit: nur der Staat, der den wirtschaftlichen Liberalismus verwirklicht, ist ein legitimer Staat. Jede Wirtschaftspolitik hat sich am Primat des Liberalismus auszurichten, soll die Quelle der Legitimation nicht versiegen.

Die Zustimmung zur Freiheit erteilte auch die SPD 1959 mit dem Godesberger Programm: „Eine diktatorische Wirtschaft zerstört die Freiheit. Deshalb stimmt die SPD einer freien Marktwirtschaft überall dort zu, wo Wettbewerb herrscht. Wettbewerb im vollen Umfang des Möglichen – Planung so viel wie nötig. Kleine, tüchtige Betriebe verdienen es, gestärkt zu werden.“ Damit ist hinreichend verdeutlicht, wie der Kapitalismus in Deutschland hoffähig wurde - und wie die deutsche Ideologie des Sozialstaats funktioniert. Bis heute bedeutet die Rede vom ‚sozialen Ausgleich’ in Deutschland zuvörderst: auch die Großen sollen hängen. – Dies deckt sich mit der Erhaltung der Verwertungsbedingungen: Da der freie Tausch ständig die Voraussetzungen des freien Tauschs zerstört, setzt der Sozialstaat die Ware Arbeitskraft in die Lage, ihre Haut auf den Markt zu tragen.

Vor 20 Jahren konnte schließlich der Geburtsfehler der BRD, ihr Mangel ursprünglicher politischer Souveränität, geheilt werden. Der Fall der Mauer vervollkommnete die wirtschaftliche Freiheit durch überfällige nationale Selbstbestimmung. Die falsche Freiheit war damit verdoppelt: die verfassungsmäßig verbriefte Freiheit, die Gesetze der Warenproduktion privatautonom zu exekutieren, wurde 89 ergänzt durch die Freiheit zur deutschlandweiten nationalen Selbstbestimmung.

Die Erfahrung der doppelten Einsetzung der falschen Freiheit spiegelt sich in nationaler Kultur wider. Diese Erfahrung der „Begabung zur Freiheit“ konstituiert die deutsche Identität, das Gemeinsame jenseits des kalten Tauschs. Diese Identität durch alle Brüche hindurch zu reproduzieren ist Gegenstand nationaler Kultur. Die künstlerische Freiheit vom Markt bleibt der Erhaltung Nation verpflichtet.

Aus Erfahrung klug! Zur Nationalkultur des deutschen Identitätsbegehrens.

Seit drei oder vier Jahren beschäftigen sich die Deutschen wieder intensiv und öffentlich mit ihrer kulturellen Identität als Nation. Das nationale Fernsehen liefert täglich unterhaltsame Reportagen über die Quellen „un­serer“ Kultur in „unserer“ Geschichte. Akademische Konferenzen bemühen sich landauf landab um ein seri­öses Fundament. Sie suchen nach der Bedeutung von „Kulturnation“ und „Nationalkultur“ in einer vermeint­lich „postnationalen“, „globalisierten“ Welt. Vor kurzem fragte eine Konferenz: „Wie viel Transnationalis­mus verträgt die Kultur?“ Kultur und Nation, das gehört also irgendwie zusammen. Aber wie? Und warum gerade jetzt wieder? Darum soll es hier gehen.

Die Ideologie „kultureller Identität“ reagiert auf die strukturellen Konflikte bürgerlich-kapitalisti­scher Vergesellschaftung. Und zwar von Anbeginn. Seit 200 Jahren, seit die bürgerliche Gesell­schaft Staat werden wollte, gibt es Imaginationen „kultureller Identität“ im heutigen Sinne: Kultu­relle Identität als Ideologie tief verwurzelter „Einheit“ aller Menschen eines Herrschaftsbereichs, gegründet in vermeintlich kollektiven „Wesensmerkma­len“, in nationaler Sprache und nationaler Kunst. Kultur wird als Ausdruck einer vorpolitischen und außer­ökonomischen Identität vorgestellt, historisch als Audruck einer ursprünglichen Gemeinschaft, also auch als bombenfeste Mobilisie­rungslinie nach außen.

So verbürgt „kulturelle Identität“ scheinhaft, was im Kapitalis­mus immer wider in Frage gestellt wird: unverbrüchliche Solidarität und Sicherheit, Anerkennung und Teil­habe. Sie kompensiert also haargenau die strukturellen Bedrohungslagen kapitalistischer Vergesellschaftung. Projektionen „kultureller Identität“ geben den end- und ausweglosen Konflikten kapitalistischer Konkurrenz ein Korsett überdauernder Einheit, einen Panzer gegen Rivalen in der Staatenkonkurrenz. Es ist im Prinzip zweitrangig, welche kulturellen Eigen­heiten nun als „typisch“ für die jeweilige Nation an­gesehen werden. Kultur ist wesentlich Form ideologi­scher Vergemeinschaftung und Abgrenzung, Einheitsbekenntnis der asozialen Zugewinngemeinschaft Nation. Immer schon.

Und immer wieder. Siehe Wolfgang Thierses aktuelle Anrufung der „Kulturnation“: „Es gibt Ängs­te vor kultureller Entwurze­lung gegenüber [einem] globalen Kapitalis­mus, der alles Kulturelle nie­dermacht. (…) Bei vielen Menschen gibt es ein Bedürfnis nach Zuordnung, Bin­dung, kultureller Be­heimatung, emotionaler und menschlicher Sicherheit. (…) Was hält unsere pluralistische Gesell­schaft zusammen? Gibt es noch etwas anderes als Verfassungspatriotismus?“

Doch wie soll das gehen, eine kulturelle „Beheimatung“ in einem Staat, der durch den „Zivilisati­onsbruch“ Auschwitz vom Projektionsraum „Nationalgeschichte“ abgeschnitten ist?!

Die Lösung des Problems heißt „Lernen aus der Geschichte“. Der aktuelle deutsche Kulturnationa­lismus hat das nationalideologische Konstrukt von Auschwitz als „Zivilisationsbruch“ nicht nur um­schifft. Er hat es für deutsche Identitätsbedürfnisse pro­duktiv gemacht. Denn Auschwitz wird als Lernerfahrung dem kulturellen Kapital der Nation zugeschlagen. Keine Nation kennt diese Extre­me! Goethe und Hitler, Weimar und Dachau, Humboldt und Buchenwald, Stauffenberg, Gustloff und Dresden, Mauerbau und Mauerfall: Alles Teil eines riesi­gen nationalen Erfahrungsraumes uner­reichter Höhen und Tiefen. Da macht uns niemand was vor!

Herausgekommen ist ein Kulturbegriff, der Deutschland wieder ganz nach vorne bringt: Toleranz als Natio­nalkultur, Nationalkultur als Identitätsgebot. Das offizielle Deutschland erklärt sich zum Chefvermittler der Kulturen, und schöpft gerade daraus neue Legitimität als Kulturnation. Genau das ist das Programm des geplanten Humboldt-Forums im neu zu errichtenden Berliner Stadt­schloss. Das Hum­boldt-Forum soll ein Parlament der Weltkulturen werden. Und Deutschland orga­nisiert den herrschaftsfreien Diskurs.

Das Humboldt-Forum ist bisher natürlich erst ein Projekt. Aber ein signifikantes Projekt. Es ist das Projekt, an dem die Berliner Republik Nationalkultur rekonstruiert, im Zentrum der Hauptstadt, an der ersten Adresse der Republik. Hier werden Kultur und Geschichte erneut national produktiv ge­macht. Man erkennt es an den Leitbegriffen der bisherigen Planung. Das Humboldt-Forum will „Identi­tät“ und „Offenheit“ versöhnen. Es will das Dilemma des bürgerlichen Identitätsbegehrens befrieden, „Beheimatung“ fühlbar machen.

Staatspräsident Köhler formulierte die neue Doktrin vom „Lernen aus der Geschichte“ in seiner Rede zur Kul­turnation: „Stellen wir uns deshalb ruhig die Frage: Was ist eigentlich gut daran, deutsch zu sein? Ich finde, es ist vor allem, dass wir gelernt haben aus der Geschichte, und wir ler­nen weiter. Lernfähigkeit ist Teil un­serer Kultur, unseres Charakters, geworden. Wir sind auf rück­sichtsvolle Weise neugierig, wenn wir uns ernsthaft in der Welt umschauen; wer draußen etwas an­ders macht als wir, der weckt unser Interesse, nicht unsere Ablehnung.“ (3.10.08)

Köhlers beschreibender Appell an Lernfähigkeit und Weltoffenheit zeugt von Misstrauen. Die ideo­logischen Staatsapparate ahnen, dass sich das Identitätsbegehren der Bürger nach Hausmannskost sehnt: Nach einem eindeutigen und stabilen „Wir“. Doch die neue Doktrin der Lernfähigkeit ist nicht so schwach wie es scheint. Rustikale Nationalisten können nur austauschbare Identitätshappen anbieten. Aber die Nationalkultur der „Offenheit“ liefert das Handwerkszeug für eine geschmeidige Vergesellschaftung im Spätkapitalismus. Der neue, weltoffene Kulturnationalismus kultiviert eine Haltung, wie sie in der Standortkonkurrenz gebraucht wird. Sein Toleranzgebot stempelt alle Welt zur Kultur, kulturalisiert also die Konfliktlinien der Märkte, und verharmlost sie damit zu einem rei­nen Kommunikationsproblem. Er erhebt „Lernfähigkeit“ zur Staatsraison, und damit den fortbeste­henden neoliberalen Zwang des „lebenslangen Lernens“ zur Kultur. Gleichzeitig kann sich der un­ersättliche Identitätshunger des bürgerlichen Individuums als ewige Friedens­mission der Deutschen Toleranzkultur ausleben, als glänzendes Vorbild vor aller Welt.

Die Kulturalisierung der Nation erntet keinen Widerspruch, weil der Druck des Weltmarkts inzwi­schen alle relevanten innergesellschaftlichen Konfliktlinien gebrochen hat. Beim Exportweltmeister herrscht mehr denn je nationaler Burgfrieden. Selbst die einst umstrittene Geschichtspolitik wird als „Erinnerungskultur“ zu ei­nem Stück nationaler Identitätsarbeit - gepflegt von den 68ern, der ehema­ligen APO.

Zum ordnungspolitische Renditeversprechen noch einmal Köhler: „Kultur haben bedeutet: Unter­schiede er­kennen und gelten lassen. Wer sich auf seine Kultur besinnt, findet sich gebunden in das, was vor ihm da war, und in das, was um ihn herum ist, und er räumt jedem anderen Menschen auf der Welt dasselbe Recht auf Halt in der eigenen Kultur ein: Kultur gibt innere Sicherheit und be­freit dadurch auch dazu, andere auf ihre Weise leben zu lassen, macht tolerant und frei.“ (3.10.08)

„Kultur gibt innere Sicherheit“ - knapper hätte es keine Kritik fassen können. Die Befriedungsfunk­tion von Kultur, die ihr einst ideologiekritisch vorgeworfen wurde, gilt heute ausdrücklich als ihre Leistung und ihr Zweck. Es wird offen ausgesprochen, dass Kultur als Identitätskrücke einer kon­flikttriefenden Gesellschafts­ordnung unverzichtbar ist. Ein glatter Zynismus, ein Befriedungsver­brechen.

Charakteristisch für den neuen deutschen Kulturnationalismus „nach dem Zivilisationsbruch“ ist die absolute Narrenfreiheit, mit der historische und kulturelle Versatzstücke als Identitätsgebote her­auspräpariert werden können. Die Doktrin der Lernfähigkeit rehabilitiert das Totenreich der Ge­schichte, das Reich von Schmerz, Ohnmacht und Verzweiflung wieder zur frei verfügbaren Identit­ätsquelle deutscher Nation. Noch die fadenscheinigste kulturgeschichtliche Referenz wird wieder als gefühlsechte „Beheimatung“ genussfähig. Sogar die trübe Tiefe nationaler Innerlichkeit. Das Deutsche Symphonieorchester Berlin wirbt auf riesigen Stadtraumplakaten für sein Saisonpro­gramm „Von deutscher Seele“ mit grauschweren Bildern einer dynamisch erhabenen Natur. Die Kritik des Feuilletons blieb nicht aus. Doch das hochkulturelle Versprechen eines deutschmysti­schen Erlebnisses ist reines Freizeitvergnü­gen, kontrollierte Regression für Bildungsbürger, [Mi­mesis an den erhabenen Verwertungszwang, genossen aus der Sicherheit des sozialen Privilegs].

Durch den frei flottierenden Vergangenheitsbezug entsteht eine neue Unmittelbarkeit des kulturellen Identi­tätsgebots. Kultur und Geschichte sprechen Dich unmittelbar an - als Deutschen. Bei der viel­kritisierten Du-bist-Deutschland-Kampagne war die nationale Anrufung noch ziemlich plump. Kul­turgeschichte wurde hier allzu offensichtlich zur Schwungmasse für Bevölke­rungspolitik in der Weltmarktkon­kurrenz. Man wurde als soziales Atom angesprochen: „Du“. Dann wur­de Gemein­schaft in Aussicht gestellt: „Du bist Deutschland“. Und im Kleingedruckten standen dann die Be­dingungen: Eigenverantwortlich Gas geben für den Standort.

Doch die Du-bist-Deutschland-Kampagne ist absolut symptomatisch für das Gebieterische des flexibilisierten Kultur­nationalismus. Kultur, gerade Hochkultur wird rein als Indiz nationaler Leistungsfähigkeit genos­sen. Sportler, Indus­trielle, Heroen der Kunst - alles Du, alles Deutschland, bar jeder inhaltlichen Be­stimmung. Identität ist auf bei­den Seiten der Gleichung reine Feststellung, reine Form.

Dieses Schema durchzieht die endlosen Identitätsanrufungen von Deutschlandfernsehen und Deutschlandausstellungen: Kultur ist Deutschland, Industrie ist Deutschland, Wissenschaft ist Deutschland, Freiheit ist Deutschland, Kunst ist Deutschland, alles ist Deutschland. In dieser kom­pakten Schlachtaufstellung beordert die Kulturnation „die Welt zu Gast bei Freunden“. Ins Humboldtforum, wo wir in unserer Anerkennung polynesischer oder indischer Kultgegenstände vor allem uns selbst als Deutsche genießen werden.

Staat Nation Hochkultur Scheisse: Gegen die deutsche Kunst.

Die Kunst ist national wieder wer. Nicht nur als Ölexportschlager oder Museumsimperialismus, sondern auch als Innere Sicherheit der deutschen Kulturgemeinschaft drängt sich die Kunst im Jubiläums- und Krisenjahr ins nationale Rampenlicht. Und daher ist sie es auch wieder wert, antinational angegriffen zu werden. Deutsche Kunst ist ein Problem.

Und derzeit ist sie aller Orten zu bewundern: das Bürgertum hat ihre geheiligte Hallen ja nie so recht verlassen, doch jetzt darf und soll auch der nationale Pöbel kommen und mit Sozialpass und kostenlosen „Schulungen“ - derzeit z.B. täglich von Bazon Brock zu 60 Jahren deutscher Kunst – deutsch trainiert werden. Gucken und Lernen - aber nicht anfassen: die deutsche Kulturnation handelt von der gemeinschaftlichen Identifizierung mit der Geschichte einer nationalisierten, deutschen Hochkultur, gegen die internationale Massenkultur, das Ideal der deutschen Historie jenseits des kapitalistischen Warenmarktes imaginiert.

Gerade im krisengebeutelten Jubiläumsjahr haben daher die ästhetischen Vergemeinschaftungen Hochkonjunktur. Vor allem in Berlin häufen sich derzeit von Angela Merkel eröffnete Kunstausstellungen der nationalen Kulturgeschichte: 60jahre deutsche Kunst –20jahre vereinte Kunst – 40jahre geteilte Kunst – und 2000jahre Varusschlacht. Was deutsch identifiziert wird sind Bilder einer deutschen Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte: und aus diesem Grund finden diese Kunstausstellungen auch nicht mehr in den Nationalgalerien und Kunstinstitutionen statt, sondern in Häusern der deutschen Geschichte. Im Deutschen Historischen Museum, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg oder im kommenden Humboldtforum. In ihnen wird die Kunst als ästhetische Geschichte deutscher Identität zur endlosen Repräsentation der Kulturgeschichte der Herrschaft.

Diese Geschichtserzählungen kultureller Identifikationen haben sich in den letzten Jahren in der Kunst, analog zur bundesdeutschen Erinnerungspolitik, auf den Jubel einer geläuterten Gegenwart konzentriert, in der die Vergangenheit zur Ruhmesgeschichte der Läuterung wird. Am 1.Mai eröffnete Angela Merkel im Gropiusbau „60 jahre 60 werke“, eine Ausstellung die Jahr für Jahr Kunst – meist großformatige Männermalerei - als Blüte westdeutscher Grundgesetzestreue präsentiert. Motto der Ausstellung ist Artikel 5 des Grundgesetzes:

„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

Seit 1949 ist diese Freiheit der Kunst im Grundgesetz festgeschrieben und an die Verfassung gebunden – die Freiheit der Kunst ist diejenige der Verfassung, und Deutschland ist die Identität dieser Freiheit. Die Hochkultur wird daher, als Identitätsversprechen, von jeher groß gefördert, und ihre Autonomie als Qualitätsmerkmal stetig betont: denn die Autonomie der Kunst bedeutet: eine Politisierung der Kunst FÜR den Staat als nationale Identifikationsmarke. Bedeutete für Dada und andere Avantgarden der 20er Jahre die Autonomie der Kunst noch die Unabhängigkeit vom Staat und die Kritik der Kunst MIT der Massenkultur, bestimmte sich im deutschnationalen Rahmen die Autonomie der Kunst als die vom Markt FÜR die Nation.

Dies macht zum einen den deutschen Staat zu dem, der per GG die Autonomie definiert, und zum anderen zu dem, der ihre Unfreiheit als sein Gegenteil bestimmt: die Kunst wurde mit dem GG national befreit. Ihre viel gelobte Autonomie ist eine Absurdität: sie ist Heteronomie vom Staat, Verpflichtung auf eine repräsentative Rolle für die Nation: Repräsentation national geförderter Freiheit abseits des globalen Marktes auf der einen Seite, und auf der anderen Seite die Identifizierung dieser nationalen Repräsentation als nationaler Marke und Exportschlager. Deutsche Hochkultur als Gütesiegel des Kulturexports.

Und bereits die erste documenta 1955 war massiv staatlich gefördert, und zeigte eine Künstlerliste, die weitestgehend identisch war mit der der nationalsozialistischen Ausstellung „entartete kunst“ 1937. Die BRD als Gegenteil des deutschen Reiches, in der alle die dort verächtlich waren, nun freiheitlich sein konnten. so zum Bsp Emil Nolde, der so gerne nationalsozialistischer Staatskünstler geworden wäre und der, wie schon Joseph Goebbels, nie ganz verstehen konnte, warum es der Expressionsimus, als „deutsche, nordische Kunst“ (Goebbels) nicht in den NS Kanon schaffte. Doch zum Ausgleich schaffte der Expressionsimus es in den bundesrepublikanischen Kunst Kanon – und kehrte seither, in geschichtlichen Wandlungsformen immer und immer wieder.

Bereits die Ausstellung „Deutsche Kunst im 20.Jahrhundert“ 1985/86 hatte sich den Grundgesetzartikel rückwirkend als Credo genommen und damit den NS ebenso wie die DDR als undeutsch ausgeklammert. Denn deutsche Kunst sei, so der Katalog „geprägt von romantischem Weltgefühl und expressiver Vision“. Für deutsche Künstler sei es typisch, sich als „Visionäre, als Propheten zu sehen“. NS und DDR hatten sich beide der ‚Vermassung’ der Hochkultur schuldig gemacht: ein grundsätzliches Vergehen gegen die nationale Autonomie der Kunst.

In der BRD blieb die ideologische Frontstellung der Hoch- gegen die Massenkultur, der nationalen Bürgerlichkeit in der BRD, gegen die populären Massen in NS und der DDR bis heute erhalten – und so sind die deutschen Exportschlager der 1980er, Joseph Beuys, Markus Lüppertz und ihre gegenwärtigen Aufhübschungen Jonathan Meese und Daniel Richter, nicht nur äußerst erfolgreich, sondern immer auch noch „Visionäre und Propheten“. Und was sich in den ersten Jahrzehnten der BRD noch als abstrakte Expression der Innerlichkeit präsentierte, hat heute, im Aufarbeitungsweltmeister, zurück in die Figuration gefunden: deutsche Geschichte ist wieder abbildungsfähig und damit unmittelbar vergemeinschaftend. So Wolfgang Schäuble im Katalog zur 60jahre Ausstellung:

„Ein demokratisches Gemeinwesen ist ohne Kunst und Kultur nicht denkbar. Freie Kunst und Kultur garantieren die Individualität der Bürgerinnen und Bürger und schaffen zugleich gesellschaftliche Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Und genau am 3.Oktober eröffnet im Deutschen Historischen Museum zu Berlin „Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945-1989“, die morgen, ausgerechnet ab dem 23.Mai im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen ist. Während „60jahre 60werke“, von der Bild Zeitung mitfinanziert, die Künstlerliste der 1980er wiederholt und durch ein paar gegenwärtige Neuromantiker aufstockt, präsentiert „Kunst und Kalter Krieg“ das geläuterte Deutschland: kritische Künstler der DDR (gegen den Staat) und kritische Künstler der BRD (gegen den Markt) auf dem Weg in die geläuterte und vereinigte Gemeinschaft des Jubiläumsjahres. „Kunst und Kalter Krieg“ präsentiert als geschichtspolitische Kulturalisierung, was „60jahre 60 werke“ als nationale Marke präsentiert: die Jubiläums-BRD als Heimat einer aufgearbeiteten und doch marktfähigen Hochkultur.

Das Ganze wird finanziert von der Bundeskulturstiftung, dem 2001 gegründeten „Instrument aktiver Kulturförderung, um den Kulturstandort Deutschland im europäischen und internationalen Maßstab angemessen zur Geltung zu bringen“ (Bernd Neumann)

Seit 2001 betreibt die Bundeskulturstiftung eine Förderungspolitik, die gerade kritische und vom Markt abgewandte Kunstprojekte fördert, also wiederum eine Politisierung der Kunst als nationales Alleinstellungsmerkmal betreibt, Künstlerinnen durch die projektbezogene Identifizierung ihrer Arbeiten desolidarisiert und so den musealen Marktexport deutscher Kunst perfekt ergänzt. So förderte sie im letzten Jahr die mit über 300 Künstlern bestückte Ausstellung „vertrautes terrain – kunst in und über deutschland“ im zkm Karlsruhe, eine voll auf die Gegenwart fixierte Version der nationalen Kunstschau, in der nicht nur die Nationalmalereien der 80er fast vollständig fehlten, sondern außerdem vor allem Positionen ausgestellt wurden, die sich eine Kritik der BRD zur Aufgabe gesetzt hatten. Hier präsentierte sich ‚was deutsch ist’ als von der Nation eingemeindeter Subjektivismus, als Verlängerung der geläuterten Nation in seine romantischen Kulturproduzenten. Hier bedarf es nicht mehr der künstlerischen Affirmation zur Erfüllung der repräsentativen Rolle, sondern im Gegenteil ließ sich im Einleitungstext zur Ausstellung lesen, dass nur ‚diejenige Nation stark ist, die sie selbst kritisiert.’ Diese Politisierung der Kunst durch die staatliche Förderungsmacht baut als Alternative zum Markt den nationalen Standort aus, der in der Förderung der Bundeskulturstiftung die Kulturalisierung der Politik als nationale Verpflichtung zur Kritik fortsetzt. Jeden Montag veranstaltete auch das ‚vt’ eine Schulung: eine Diskussion zur Frage „was ist deutsch“? Zitat: „Irgendwo zwischen prekär und Prädikat ist die Existenzform des Deutschen“.

Im Grundgesetz befestigt und national gefördert fungiert die Kunst in Deutschland als ständiger Beweis einer glanzvollen und Jahrhunderte alten Geistesgeschichte, die nun, nach der erfolgreichen Aufarbeitung des Nationalsozialismus, in der Gegenwart wiedervereinigt wird. Was im ersten Teil aus der Perspektive einer Konstruktion nationaler Kulturgeschichte für die Gegenwart nachgezeichnet wurde, kulminiert in der Kunst im Jubiläumsjahr 2009 in einem Ensemble aus Germanen, Preussen, traurigen Staatssozialisten und wirtschaftswundernden Westdeutschen zur Feier der Kulturnation Deutschland, die sich kulturell impregniert als Einheit politischer Rechtschaffenheit und Selbstkritik. So auch der Kommentar der Grünen-Senatsabgeordneten Benedikt Lux zur Antinationalen Parade am 23.Mai.: „Die Veranstaltung habe zwar eine verfassungskritische Position, das sei aber für eine Demonstration in Ordnung: „Unsere Verfassung hält die Kritik aus.“ In diesem Sinne: einen unkritischen und aktionsreichen 23.Mai!

gehalten auf der Veranstaltung “Unerträglich - Podiumsdiskussion gegen 60 Jahre BRD” mit Thomas Ebermann, Nadja Rakowitz und TOP B3rlin