Die Antideutschen haben die Welt nur verschieden interpretiert

Es kommt darauf an sie zu verändern
Redebeitrag von TOP B3rlin auf der Veranstaltung "Zur Kritik an Deutschland – antinationale und antideutsche Theorie" der Autonomen Neuköllner Antifa (ANA) am 27.09.2012 im k-fetisch

Guten Tag und vielen Dank für die Einladung. Ich vertrete die Gruppe Theorie.Organisati­on.Praxis, TOP B3rlin. Wir sind – ihr ahnt es schon – das kommunistische Pro­jekt gegen alles Böse, organisiert im umsGanze!-Bündnis. Wir haben auch an der Staatsbroschüre von umsGanze! mitgeschrieben, um die es heute u.a. gehen soll. Wir vertreten hier also die antinationale Perspektive.

Wir hatten einige Schwierigkeiten, uns für diese Veranstaltung zu motivieren, weil wir uns echt eine Menge Quatsch aus der antideutschen Ecke anhören mussten. Uns wurde “Geschichtsrevisionis­mus” unterstellt, weil wir den deutschen Nationalismus von heute nicht in erster Linie aus einer “postnazistischen” Verfassung der Deutschen deuten. Und in einem Text, den die EAG zur Vorberei­tung eingebracht hat, wird uns die “Verhöhnung der Opfer in den Vernich­tungslagern” vorgeworfen. Warum? Weil wir den Zusam­menhang von kapitalistischer Vergesell­schaftung und nationalsozialis­tischem Exzess beleuchtet ha­ben. Das sei eine irgendwie verbotene “Kommensurabilisierung” von Auschwitz. Im Imagine-Aufruf von 2011 wird sogar nahegelegt, wir würden “Auschwitz leugnen“. Solche Anschuldigungen sind in antideutschen Kreisen leider eher die Regel als die Ausnahme.

Die antideutsche Position war nicht immer so durchgeknallt. In den Neunzigern hat antideutsche Kritik die üblen Traditionen der Linken angegriffen: Die Lohnabhängigen und das Volk wurden als Teil des Problems kritisiert. Verkürzte, personalisierende Kapitalismuskritik wurde zu Recht als strukturell antisemi­tisch denunziert, das deutsche Modell des sozialpartnerschaftli­chen Kapita­lismus zu Recht als besonders hermetisch. Antideutsch war Punkrock, war eine Kritik ums Ganze.

Das ist bekanntlich nicht mehr so. Heute verteidigen viele Antideutsche das Abendland gegen den Islamismus, und sind dabei oft rassistischer als Normalbürger. Andere sehen vor lauter “deut­scher Spezifik” den kapitalistischen Wald nicht mehr. Antideutschtum ist bei vielen zum identitären Ticket verkommen. – Was wollen wir also hier?

Die Debatte hat glücklicherweise auch zwei vernünftige Ausläufer: Die Frage nach dem Verhältnis von kapitalisti­schem Allgemeinem und national Besonderem, und damit verbunden die Frage nach einer “Eigendyna­mik” des Ideologischen. Mit Blick auf unsere Kritiker*innen will ich versuchen beide Punkte einzukreisen. Es geht um die Grundstruk­tur des Nationalismus, um die Bedeutung des Nationalsozialismus und um die Frage, wie sich Ideo­logien reproduzieren. Vorläufig ausgeklammert bleiben geschichtspolitische Themen und der deutsche Krisennationalis­mus.

1. Nationalismus und Weltkapitalismus

Nationalismus war und ist die primäre Ideologie staatsbürgerlich vergesellschafteter Individuen, eine objektive Denk- und Fühlform der kapitalistischen Moderne. Nationale Identität erscheint als unmittelbare und ursprüngliche Eigenschaft, nicht als reflektierter Standpunkt. Historische National­ideologien sind Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts, Rationalisierungsversuche. Eine kritische Theorie der Na­tion und des Nationalismus muss ausweisen, wie diese spontanen identitär­en Haltungen mit den grund­legenden Formen bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung zusam­menhängen.

Auch im gegenwärtigen Europa, in dem sich nationalstaatliche und supranationale Vergesellschaf­tungsaspekte überlagern, ist nationale Identifikation vordringlich. Warum? Weil Staaten, staatlich verfasste Nationalökonomien noch immer den primären Reproduktionsrahmen der Individuen bil­den. Die einzelnen, vereinzelten Individuen sind i.d.R. auf Gedeih und Vererb vom nationalökono­mischen Schicksal des für sie zuständigen Staates abhängig. Und dieses Schicksal entscheidet sich ganz wesentlich in der Weltmarktkonkurrenz der Nationalökonomien. Wohlstandniveau, Wachs­tumschancen, Möglichkeiten sozialer Umverteilung, alles hängt davon ab.

Theoretischer Ausgangspunkt ist also nicht diese oder jene Nation, sondern der Weltmarkt, der sich bis heute entfaltet und integriert. Der Weltmarkt war vor dem bürgerlichen Staat da. Bürgerliche Staaten sind im 18. und 19. Jahrhundert als Agenturen der Weltmarktkonkurrenz entstanden. Die spezifisch bürgerlich-kapitalistische Form von Produktion und Reproduktion war und ist auf “Wett­bewerbsfähigkeit” zu­geschnitten: Auf Konkurrenz um Marktanteile, Investitionen, Wachstumschan­cen – um kapitalistischen Reichtum. Der bürgerliche Nationalstaat institutionalisiert damit eine be­sonders feindselige Form der Daseinssicherung: Kapitalistischen Verwertungszwang, der aus syste­mischer Logik heraus nie zur Ruhe kommt und ständig Krisen produziert. Das kapita­listische Allge­meine ist damit immer schon die Form, in der sich das nationale Besondere bestimmt.

Nationalismus antwortet auf die strukturellen Bedrohungslagen dieser feindseligen Gesellschafts­ordnung. Er überspannt seit mindestens 100 Jahren die Klassen­spaltung, weil Lohnabhängige und Kapitalfraktionen nationalökonomisch tatsächlich in einem Boot sitzen. Der Klassenkonflikt ist nicht aus der Welt, aber er ist in eine staatsbürgerliche Verlaufs­form gebracht. Eine mögliche ande­re Verlaufsform, der proletarische Internationalismus, ist seit 90 Jahren tot.

2. Anatomie des Ideologischen

Aber ist diese Perspektive nicht total “ökonomistisch”?! Wird hier nicht die “Eigendynamik” des Ideologischen verfehlt, werden nicht “andere Herrschaftsverhältnisse” ausgeblendet? Im Gegenteil! Nur wer die allgemeinen Konstitutionsbe­dingungen von Kapitalismus, Staat und nationalistischer Ideologie ins Auge fasst, kann ihre Ge­schichtlichkeit, die Dynamik ihrer historischen Ausformun­gen richtig deuten. Nur wer die prozessie­renden Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Ge­sellschaft im allgemeinen einbezieht, kann ihre historischen Gestalten entziffern.

Natürlich gibt es nicht “den Staat”, sondern nur historisch konkrete Staatswesen innerhalb globaler Ausbeutungsbeziehungen. Aber es gibt allgemeine Formen globaler Ausbeutung, und innerhalb die­ser gibt es allgemeine Konfliktlagen, auf die Nationalismus antwortet. Insofern ist unsere Perspekti­ve formkritisch.

Zentral dabei ist, dass die Ideologie nationaler Identität sich präzise um die Widersprüche bürger­lich-kapitalistischer Vergesellschaftung entspinnt, und diese ideell aufhebt. Zentral ist also ihr pro­jektiver Charakter. Nationalismus ist keine bloße Widerspiegelung der ökonomischen Lage, auch nicht bloß Abdruck materieller Interessen. Vielmehr vereindeutigt er die widersprüchlichen, indivi­duell unverfügbaren Vergesellschaftungsbedingungen auf einen klaren, politisch gangba­ren Interes­senstandpunkt hin. Die Identifikation mit der Macht des Staates entschädigt ideell für die ständige Kränkung des bürgerli­chen Individuums.

Gegen all das und noch viel mehr imaginiert Nationalismus ein handlungsfähiges Kollektivsubjekt, imaginiert fraglose Zugehörigkeit und damit nationales Privileg. Die irrationalen Überschüsse na­tionaler Ideologie – töten und sterben für die eigene Nation – sind Indizien der kapitalistischen Angst, die sie zugleich kompensiert und verlängert.

Wir haben diesen Prozess öfter als “ideologischen Reflexbogen” bezeichnet. Wir wollten damit un­terstreichen, dass sich solche Projektionen spontan, ohne vorhergehendes Abwä­gen, ohne bewusstes Interessenkalkül einstellen. Wer unbedingt will, kann das auch missverstehen. Natürlich fließen hier kulturelle und politische Prägungen ein. Natürlich reflektieren Individuen auch manch­mal ihre na­tionalen Sehnsüchte. Entscheidend ist doch aber, dass Nationalismus in seiner ideologi­schen Struk­tur und Funktionalität Unmittelbarkeit gegen Vermittlung setzt, Identität gegen Wider­spruch und Ambivalenz.

Politisch zentral sind nicht die unterstellten Kontinuitäten des Ideologischen, sondern seine enorme Plastizität und Flexibilität. Ideologische Widerspruchsbereinigung ist tägliche Identi­tätsarbeit. Denn die Widersprüche sind ja strukturell, sie sind und bleiben da und verschieben sich zugleich mit je­dem Verwertungs- und Krisenzyklus. Das kann man gerade ganz gut in den Widersprü­chen der Europapolitik erkennen, wo Deutschland quasi aus nationalem Interesse ge­gen nationales Interesse verstoßen muss. Und genau hier ist der Einsatz des Politischen, die reale Möglichkeit und das revolutionäre Gebot, die zwanghafte Reproduktion des Immergleichen heraus­zufordern und zu durchbrechen.

3. Fluchtpunkt Nationalsozialismus

Schön und gut, könnte man sagen, aber wird durch diese formkritische Perspektive nicht doch wie­der der spezifisch deutsche Nationalismus auf eine allgemeine Ideologiemechanik heruntergebro­chen? Wir denken nicht. Es kommt darauf an, wie man so eine Formkritik entwirft. Unser Entwurf setzt die ideologischen und praktischen Exzesse des Nationalsozialismus als theoretischen Flucht­punkt. Die Ideologie der Volksgemeinschaft bietet eine besonders konsequente Auflösung konstitu­tiver Konfliktlagen des Kapitalismus: Die Perspektive eines durch rassische Abkunft gesi­cherten nationalen Privilegs, die autoritäre Befriedung der Klassengesell­schaft, und im handgreifli­chen Endkampf gegen eine projizierte jüdisch-plutokratische Weltverschwörung die Aussicht, die Ohn­machtserfahrung bürgerlicher Individualität ein für alle Mal aufzuheben, zu „vernichten”. Dieser ideologische und staatspoliti­sche Lösungsversuch zwingt uns nicht auf theoretische Sonderwege. Die antideut­sche Pointe wäre zu verallgemei­nern. Es ist richtig, die grundlegenden Widersprüche der bürgerli­chen Gesellschaft stets in der Perspektive einer mögli­chen faschistischen bzw. nazistischen Aufhe­bung zu denken. Es ist aber falsch, dies nur gegenüber Deutschland zu tun. Der Nationalsozialismus muss als historisch situierte politische Bewegung ernst genommen werden, und nicht als blo­ßer Ausdruck eines wie auch immer begründeten deutschen Wesens. Hier fallen viele Antideutsche eiskalt auf die nationale Ideologie herein, die sie zu kritisieren versuchen. Sie unterstel­len eine bestimmte Na­tionaleigentümlichkeit als durchhaltende Identität – ganz so, wie es der bür­gerliche Nationalismus seit zwei Jahrhunderten auch tut.

Klar ist: es gibt eine spezifische Tendenz des deutschen Staatsprogramms: korporatisti­sche, sozialpart­nerschaftliche Integration, die sich auf institutionellen Grund­lagen reproduziert. Es ist aber falsch, solche Tendenzen als Ausdruck einer durchhaltenden völkischen Ideologie zu interpretieren. Ideolo­gie funktioniert anders. Sie ist nicht einfach Ausdruck eines Wesens, sondern ideelle und politische Aufhebung realer Konflikte und Widersprüche.

Wer nicht an systematischer Wahrnehmungsverzerrung leidet, muss anerkennen, dass der “spezi­fisch deutsche” Natio­nalismus oft so spezifisch deutsch gar nicht ist. Vor allem ist er derzeit ideolo­gisch nicht konsistent strukturiert, jeden­falls nicht konsistent völkisch. Und um den gegenwärtigen Krisennationalismus zu verstehen, braucht man keine Theorie der postnazistischen Gesellschaft.

Schluss: Historisch situierte Kritik statt antideutsches Hauptwiderspruchsdenken

Was bedeutet das politisch? Es bedeutet, dass man den kategorischen Imperativ nach Auschwitz ernst nehmen muss: “Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.” (Adorno) Das ist ein universalistischer Appell, ein Aufruf zu einer kri­tischen Theorie der Gesellschaft in praktischer Absicht, zu antikapitalistischer Praxis. Seine Dring­lichkeit ergibt sich aus der Einsicht, dass die Systemzwänge kapitalistischer Verwertung immer wie­der ideo­logisch eskalieren, dass der Um­schlag von Verwertung in Vernutzung und Vernichtung eine reale Gefahr bleibt, gerade in Zeiten kapitalistischer Krisen auf globaler Stufenleiter.

Die Antideutschen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt darauf an sie zu verändern.